Rakete startklar? Oder: Aufklärungsbücher ohne Klitoris

«Wie aus Jungs echte Kerle werden»

Auf den ersten Blick wirken die mit niedlichen Bildern illustrierten Lehrmittel harmlos, schreiben die Zeitungen von Tamedia heute. Gemeint sind zwei Aufklärungsbücher mit den klingenden Namen «Rakete startklar» für Jungs und «Wir Powergirls» für Mädchen. Die christlichkonservative «Stiftung Zukunft CH» bewirbt die beiden Lehrmittel an Schulen – was mich doch ziemlich misstrauisch macht.

Misstrauisch macht mich aber auch der Untertitel bei der Version für die Jungs: «Wie aus Jungs echte Kerle werden». Was für ein «gesundes Wertesystem» da wohl vermittelt wird?

Eine Antwort darauf gibt in den Zeitungen Annelies Steiner, die bei «Sexuelle Gesundheit Schweiz» im Bereich der Sexualaufklärung tätig ist. Bei der Erklärung der Anatomie des weiblichen Körpers fehle die Klitoris gänzlich. «Sie ist das Lustorgan der Frau. Dies zeigt, wie lustfeindlich das Lehrmittel ist.»

Es widerspreche der menschenrechtsbasierten Sexualaufklärung

Die Organisation «Sexuelle Gesundheit Schweiz», der Dachverband der Beratungsstellen und Fachpersonen, die im Bereich der Sexualaufklärung tätig sind, ist wegen der Lehrmittel «in Sorge». Es widerspreche der menschenrechtsbasierten Sexualaufklärung und decke nicht alle Themenbereiche ab, wie sie im Lehrplan 21 verankert sind.

Die beiden Aufklärungsbücher «Rakete startklar» und «Wir Powergirls» sind im evangelikalen Fontis‐Verlag erschienen. Die Mitautorin Regula Lehmann arbeitet für die «Stiftung Zukunft CH». Sie wehrt sich dagegen, mit dem Lehrmittel christliche Propaganda zu verbreiten: «Verletzungen des gesunden, kindlichen Schamgefühls machen Kinder anfälliger für Missbrauch und frühen Pornokonsum», zitiert sie die Zeitungen.

Regula Lehmann erklärt zudem, ihr Buch sei «von Wertvorstellungen geprägt». Eine Ausbildung zur Lehrbuchautorin habe sie zwar nicht – dafür habe sie einen Kurs der Organisation «TeenSTAR» besucht. Die Organisation ist weltweit in 25 Ländern tätig, verbietet die Pille und Kondome und fordert zu Enthaltsamkeit vor der Ehe auf. Die Organisation sorgte im Juni in Österreich für Aufsehen, weil sie Schüler*innen gemäss den «Salzburger Nachrichten» vermittelte, Homosexualität sei ein Identitätsprobleme und eine «Verirrung». Zudem sei die sexuelle Orientierung durch eine Kombination aus Therapie, Selbsthilfegruppe und Seelsorge veränderbar.

Die Fachstelle «Lust und Frust» für Sexualpädagogik und Beratung der Stadt Zürich rät Lehrpersonen davon ab, die beiden Lehrmittel zu verwenden. Wie die Zeitungen von Tamedia zudem schreiben, könnten die beiden Aufklärungsbücher nicht «einfach so verboten werden». Sollte aber eine Schulpflege zum Schluss kommen, ein Schulbuch entspreche nicht den gesetzlichen Vorgaben, kann sie es für ihren Schulkreis verbieten – was eigentlich nötig wäre. Denn es darf nicht sein, dass an unseren Schulen Lehrmittel zum Einsatz kommen, welche homo‐ und transphob sind!