Von alten und neuen Feindlichkeiten

In seinem Buch «Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …» schreibt Johannes Kram ausführlich über eine neue Homophobie: «In der alten Homophobie bedeutete Homosexualität das Fehlverhalten von Individuen, also der Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich sexuell falsch verhalten. Heute behaupten selbst Konservative, dass sie dieses Verhalten in Ordnung finden. Die Kritik am moralischen Fehlverhalten wurde dadurch ersetzt, dass dem Homosexuellen zwar zugebilligt wird, homosexuell sein zu dürfen, aber vor einem Zuviel von Homosexualität gewarnt wird.» …

Das ist selbstverständlich abstrus – aber im Kern steckt noch immer das gleiche Prinzip: Die Grundannahme, dass Homosexualität nicht richtig ist. Aber so argumentiert beispielsweis auch die Katholische Kirche («Gott liebt auch dich – solange du deine sündige Sexualität nicht auslebst») oder der Schweizerische Blutspendedienst («Auch dein Blut rettet Leben – wenn du vor der Blutspende zwölf Monate keinen Sex hattest»).

In meinem von Heterosexuellen normierten Umfeld höre ich oft: «Für euch ist ja schon sooo viel erreicht worden!». Aber ist «sooo viel» genug? Nein, denn eigentlich wollen wir ja nicht «mehr», sondern «gleichviel» – eben die gleichen Rechte.

 

Ist «sooo viel» genug?

Ich persönlich halte ja nicht viel von Gleichheit in allen Dingen – nur von Gleichheit vor dem Gesetz halte ich sehr viel! Dies erkannte auch Barack Obama 2013 in Berlin, als er sagte: «Indem wir uns für Lesben und Schwule einsetzen und ihre Liebe und ihre Rechte im Gesetz gleichstellen, verteidigen wir unser aller Freiheit!».

1955 im US‐Bundesstaat Alabama: Rosa Parks setzte sich im Bus in den vorderen Teil, der damals für Schwarze verboten war. Sie setzte sich nicht vorne hin, weil sie lieber vorne sass. Sie tat es, weil es möglich sein musste!

2018 in der Schweiz: Die Rechtskommission des Nationalrats beschloss mit 14 zu 11 Stimmen die Zivilehe endlich für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen – etappenweise. Wie Rosa Parks vor über 60 Jahren dürfen wir zwar «mitfahren», aber eben halt noch nicht «so richtig» …

Es tönt vielleicht pathetisch, doch: Ein Recht muss mensch sich nicht verdienen. Und mensch muss es nicht nutzen, um es zu legitimieren. Aber mensch muss wissen, dass mensch es hat.

Hallo, heteronormierte Mehrheit? Warum unterscheidet ihr noch immer zwischen der Homo‐ und der Hetero‐Ehe? Oder warum bestimmt ihr noch immer über die Selbstbestimmung von trans und inter* Menschen und lässt sie nicht unbürokratisch ihr Geschlecht und ihren Vornamen ändern?

Die Theorie von Johannes Kram im Buch «Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …» stimmt halt doch: Der Ton der neuen Homo‐ und Transfeindlichkeit klingt nicht böse, sondern nett – und sie ist überall. Ich höre oft: «Für euch ist ja schon sooo viel erreicht worden! Was wollt ihr eigentlich noch?». Zeigt nicht gerade diese Aussage, dass die Homo‐ und Transphobie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist? Wenn wir also schon «sooo viel» erreicht haben, meint die heteronormierte Gesellschaft also, dass jetzt «genug gemacht» wurde? Schwingt da nicht auch irgendwo mit, dass wir «nicht richtig» sind?

Die Abneigung (Phobie: umgangssprachlich eine Abneigung gegenüber etwas) uns unsere Rechte ohne Kompromisse subito zu geben, hängt doch eigentlich damit zusammen, dass wir noch heute problematisiert werden.

Diese neue Homo‐ und Transphobie wird auch von den Medien bewusst oder unbewusst betrieben. Mir stinkt es gewaltig, dass sich lesbische, schwule, bi, trans und inter* Menschen in Diskussionssendungen und Talkshows ständig für ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität rechtfertigen müssen.

Und wie ist eigentlich die Tatsache zu verstehen, dass die Stadt Bern während der Pride im letzten Jahr zwar neben zwei Fussgängerstreifen wunderbare Regenbogen malen liess und sich als bunte Stadt feiern liess, aber gleichzeitig immer noch um die finanzielle Unterstützung beim Gemeinderat für die Beratung von unzähligen Hilfesuchenden gerungen werden muss.

Der Politikwissenschaftler Tarik Abou‐Chadi hat auf Twitter ein Forschungspapier veröffentlicht. Kernaussage seiner Forschung: Die politischen Debatten rund um die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren in Europa unterscheide sich zwar von Land zu Land, doch dabei gebe es einen gemeinsamen Nenner: Die geltende Gesetzgebung hat einen signifikanten Einfluss auf die Akzeptanz von Schwulen und Lesben in der Gesellschaft. Oder anders ausgedrückt: Die «Ehe für alle» erhöht die Akzeptanz, die eingetragene Partnerschaft hingegen bewirke das Gegenteil. Dabei bin ich überzeugt, dass eine menschenwürdige Gesetzgebung auch die Akzeptanz von trans und inter* Menschen verbessern würde. Worauf warten wir noch?

Text veröffentlicht in der HABinfo vom September/Oktober 2018 zum Thema «Homo‐ und Transphobie»