Eine Weihnachtsgeschichte – nicht nur für Schwanzlutscher

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von Rosa von Praunheim ausging, dass die homosexuellen Männer dieser Welt beeindruckte: Der Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der lebt» motivierte 1972 auch in der kleinen Stadt Bern Homosexuelle sich zu organisieren und die Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern – kurz HAB – zu gründen.

20 Jahre nach der Gründung des Vereins schrieb Erasmus Walser in der Broschüre «Unentwegt emanzipatorisch»: «Geschichte einer Schwulenbewegung im engeren Sinn setzt dort ein, wo die Isolation und Verschüchterung der Vielen, wo das gruppenmässig oder individuell von Angst besetzte Schicksal, sich von Personen des gleichen Geschlechts angezogen zu fühlen und dafür leiden zu müssen, einem befreienden Zorn und einem von Stolz und Gelassenheit geprägten Selbstbewusstsein zu weichen beginnt.» Die Mitglieder der HAB verstanden ein schwul‐lesbisches Coming‐out nicht mehr bloss als privaten, sondern als gesellschaftlich‐öffentlichen Prozess.

Im Grunde genommen war innerhalb der Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern schon immer nicht nur die sexuelle Orientierung, sondern eigentlich auch die Geschlechtsidentität Thema. Immer wieder wurden im Verein Debatten über schwule Identität und schwules Auftreten geführt («Tunten‐ und Lederkerl‐Streit»). Ich habe in den Siebzigern noch gelernt, dass Schwule sowieso keine «richtigen» Männer sind. Im männerdominierten Militär hatten «weibische Männer» nichts verloren. Und tatsächlich: Erst 1992 wurde die Bestrafung mit Gefängnis bei «widernatürlicher Unzucht» aus dem Militärstrafgesetz gestrichen.

Housi Denz in der HABinfo vom Oktober 1981 zum «Tunten‐ und Lederkerl Streit».

Heute sind trans Männer und trans Frauen mit einer ähnlichen Diskussion konfrontiert. Unsere Gesellschaft muss lernen, dass äussere Geschlechtsmerkmale nichts mit der Geschlechtsidentität zu tun hat! Die Einteilungen in «männlich» und «weiblich» (und auch in eine «Dritte Option») lösen sich langsam auf. Und gleichzeitig lernen wir auch, dass es bedeutend mehr sexuelle Orientierungen gibt, als nur gerade «homosexuell» und «heterosexuell». Die vier Buchstaben «LGBT» reichen längstens nicht mehr aus, um unsere Community zu bezeichnen und allen Menschen unter dem Regenbogen gerecht zu werden.

45 Jahre nach der Gründung stellen auch die Mitglieder der Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern fest, dass der Vereinsname nicht mehr passt. Und wie in Vereinen üblich, wurde über eine Namensänderung an einer Klausurtagung diskutiert – und ein Kompromiss gefunden: Der Vorstand wird den Mitgliedern an der nächsten Mitgliederversammlung eine Namensanpassung vorschlagen. Wird der Vorschlag angenommen, wird sich der Verein neu «HAB QUEER BERN» nennen.

Queer?

Entsprechend der geplanten Namensanpassung begrüsste ich die Lesenden des HAB‐Newsletters vor einer Woche mit «Liebe queere Menschen». Das Wort «queer» empfand allerdings ein Leser aus dem Berner Oberland als quer. Er schrieb mir: «Ich lebe im schweizerdeutschen Sprachraum und bin nur abweichend von gewissen Normen einer unbestimmten Mehrheit von Menschen! Mich selbst bezeichne ich als einzigartiger Andersartiger, Männer liebender Mann, Schwuler, Schwanzlutscher und anderes mehr – ich bin aber weder queer, noch will ich mich hinter diesem Anglizismus verstecken!»

Und der Engel sprach zu ihnen: «Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch grosse Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn die Welt verändert sich ständig, die Sprache folgt ihr und verändert sich mit. Neue Wörter entstehen: Migrationshintergrund ist so ein junges Wort. Und was die Gesellschaft umtreibt, das benennt sie – als «queer» beispielsweise.»

Queer ist ein Adjektiv, das auf das althochdeutsche «twerh»zurückgeht. Twerh geriet als niederdeutsches «queer» nach England und wurde dort «queer». Twerh lässt sich als «schräg, schief» übersetzen. Heute bezeichnen wir jene Dinge, Handlungen oder Personen als queer, die von der Norm abweichen.

Reduzieren wir doch die «Buchstaben‐Suppe» LGBTIQ auf den Buchstaben «Q» wie queer – mit der Aufzählung von Buchstaben werden wir unserem Regenbogen sowieso nie gerecht – auch mit der Hinzufügung eines «+» nicht, da «mitgemeint» doch äusserst unsympathisch ist.

«Ich wünsche allen für Weihnachten viel Zeit für Liebe und Freundschaften – um Gemeinsamkeiten zu geniessen – und Langeweile, um die Augenblicke auszukosten – und Leidenschaft für das, was wir gerade tun!»