«Ich bin Frau, mit jeder Faser meines Körpers»

Im bayerischen Landtag passiert im Moment das, was in Zürich im Gemeinderat schon vor zehn Jahren passierte …

Im August 2008 schrieb die WOZ über den damaligen Zürcher Gemeinderat Alecs Recher: «Sie tritt burschikos auf, trägt weite Männerkleider, kein Make-up und sehr kurze Haare. … Jetzt geht die AL-Gemeinderätin ein Schritt weiter: Sie wird zum Mann.» Einen Satz später zitiert die WOZ Alecs Recher wortwörtlich: «Ich werde nicht zum Mann, ich bin schon ein Mann». Trotzdem bleibt die WOZ im Artikel stur beim falschen Pronomen. Aber nicht nur ich, sondern auch die WOZ hat seither viel über Transidentität gelernt. Trotzdem macht ein Coming-out in der Politik noch immer Schlagzeilen.

Zehn Jahre nach dem WOZ-Artikel finde ich im Internet einen Artikel der Süddeutschen Zeitung mit der Überschrift «Erste Transfrau im Landtag». Die Zeitung schreibt: «Lange, blonde Haare statt Männerglatze, Make-up statt Bartschatten, Seidenbluse statt Holzfällerhemd.»

«Was macht ihr hier für ne Nummer? Dragqueen?»

Tessa Ganserer sitzt für die Grünen im Landtag des Freistaates Bayern. Das Interview der ‹Süddeutschen› findet im Plenarsaal des Landtages statt. Und während Tessa Ganserer am Rednerpult für ein Foto posiert, tritt der FDP-Politiker Martin Hagen in den Saal und fragt: «Was macht ihr hier für ne Nummer? Dragqueen?». Tessa Ganserer antwortet darauf: «Das ist eine Beleidigung. Ich verkleide mich nicht».

Eines macht die Süddeutsche Zeitung zehn Jahre nach der WOZ wesentlich besser und benutzt konsequent die richtige Anrede («Sie will, dass sie von aussen immer mehr so wird wie von innen: eine Frau»). Aber sie kommt trotzdem – die Frage nach der Operation. «Das ist meine Privatsache … Für die Akzeptanz als Frau ist es vollkommen irrelevant, was ich in der Hose habe».

Am Montag startet Tessa Ganserer das neue politische Jahr als erste trans Frau in einem deutschen Landtag. Auf Facebook schreibt sie: «Ich bin Frau, mit jeder Faser meines Körpers. Und nun auch Frau Landtagsabgeordnete». Und das ist doch gut so!