Die Sichtbarkeit der Lesben, die Medien und die «reaktionären Affen»

Liebe Anna Rosenwasser

Nach jahrelanger Diskussion wurde vom Parlament die Gesetzgebung endlich angepasst: Hass gegen schwule, lesbische und bi Menschen wird strafbar. Zufrieden waren wir queeren Aktivist*innen damit nicht, werden doch trans Menschen weiterhin nicht vor Hass geschützt. Diese Inkonsequenz ist unerträglich … Und nun ergreift gegen diese längst fällige Erweiterung der Rassismus‐Strafnorm die EDU und die JSVP auch noch das Referendum, da die Meinungsfreiheit in Gefahr sei.

In einem Newsletter der LOS unterdrückst du deine Wut gegen diese Ungeheuerlichkeit nicht und bezeichnest die Politiker*innen der EDU und JSVP als «reaktionäre Affen». Damit bringst du es auf den Punkt: Meinungsfreiheit mit Hass gegen Menschen zu vergleichen ist unerträglich! Und mit dieser Aussage schaffst du endlich auch Sichtbarkeit für Lesben – nehmen doch die Medien deine Aussage dankbar auf. So titelt beispielsweise die Luzerner Zeitung: «Reaktionäre Affen: Lesbenverband attackiert Gegner des neuen Antidiskriminierungsgesetzes».

Die Tamedia‐Zeitungen zitieren ebenfalls, machen aber offenbar bei dir noch eine Rückfrage und schreiben: «Lesben, Bisexuelle und Schwule keinen Schutz zu gewähren, sei definitiv nicht mehr zeitgemäss, also treffe der Begriff ‹reaktionär› zu, verteidigt sie ihre heftigen Worte».

«Diskriminierung ist keine Meinungsfreiheit, sondern ein Verbrechen.»

Im aktuellen Newsletter von dieser Woche entschuldigst du dich nun. Die Politiker*innen der EDU und der JSVP als «reaktionäre Affen» zu bezeichnen sei «recht dumm» gewesen: «Es gibt sehr viel bessere Arten, mit Wut umzugehen, als Beleidigungen rauszuhauen».

Ich weiss nicht, liebe Anna, warum du dich nun entschuldigt hast. Aber wahrscheinlich hat mensch dir was von «Besonnenheit» erzählt und davon, dass deine Wut gegen diese «Affen» unserer Sache mehr schade als nütze.

Allerdings mussten wir es uns gefallen lassen, dass Toni Bortoluzzi (er sitzt im Referendums‐Komitee der «Affen») ungestraft über «fehlgeleitete Hirnlappen» schwafeln durfte. Oder dass Vitus Huonder mehr oder weniger offen mit dem zitieren eines Bibelspruchs die Todesstrafe für Homosexuelle fordern durfte. Oder dass Florian Signer auf der Website der PNOS uns auffordert, uns doch «heilen» zu lassen (der Artikel ist noch immer online).

Du Anna hast Margarete Stokowski zitiert – und das mache ich an dieser Stelle nun auch noch grad:

Wut ist nicht dasselbe wie Hass.
Hass will Zerstörung, Wut will Veränderung.
Hass ist destruktiv, Wut ist produktiv.