Seit 50 Jahren: «Gay Power»

Für die nächste Ausgabe der HABinfo recherchiere ich im Moment über die Auswirkungen des Stonewall-Aufstandes vor 50 Jahren auf die Schweiz. Heute gilt der Aufstand an der Christopher Street in New York als Beginn der modernen LGBTIQ-Bewegung – auch in der Schweiz. Allerdings handelt es sich hier nicht um eine makellose Erfolgsgeschichte unserer Community, denn schon bald wurden People of Color und trans Personen von Schwulen und Lesben des Mainstreams ausgeschlossen.

Der gewalttätige Aufstand von queeren Menschen gegen die repressive und diskriminierende Behandlung durch die Polizei dauerte in diesem Juni 1969 in New York sechs Tage. Steine und Flaschen wurden geworfen und die Menschen riefen «Gay Power» oder «Gay is Good». Wie oder wer den Aufstand entflammte, ist nicht genau überliefert. Sicher ist, dass die Gäste der Bar «Stonewall Inn» an der Christopher Street vorwiegend Menschen waren, die in etablierten Lokalen keinen Zugang hatten: obdachlose Jugendliche, lateinamerikanische und schwarze Dragqueens, schwule Sexarbeiter und Butches – also in den Augen der Mehrheitsgesellschaft allesamt besonders verachtenswerte Menschen.

Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera
(The Death and Life of Marsha P. Johnson; Netflix)

Erstmals in der Schweiz thematisiert wurden die Geschehnisse von Stonewall 1971. In der Zeitschrift «club68» der damaligen SOH (Schweizerische Organisation der Homophilen) war zu lesen: «Anstatt sich unter den Gummiknüppeln zu krümmen, strömten zornige Männer und Frauen aus allen Richtungen daher und prügelten sich mit den aus der Fassung geratenen Gesetzeshütern. Das war man sich von den schwulen Weichlingen nicht gewohnt». Bereits war vergessen, dass nicht schwule Cis-Männer voranschritten. Viele, die Widerstand leisteten, waren People of Color, wie beispielsweise die beiden trans Menschen Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson.

Trans Personen wurden ausgeschlossen

Einen Monat nach dem Stonewall-Aufstand gründete sich im Juli 1969 in New York die Gay Liberation Front (GLF), die sich rasch auf weitere Städte der USA ausbreitete. Vier Jahre später nannte sich die Organisation Gay Activists Alliance (GAA) und trans Personen wurden ausgeschlossen. Die «eindeutig geschlechtlich identifizierten» Schwulen und Lesben erhofften sich so bessere Chancen für ein Antidiskriminierungsgesetz (Gay Rights Bill).

Zur gleichen Zeit entstanden in der Schweiz «Homosexuelle Arbeitsgruppen». Für die Gründung der Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern (HAB) am 6. Dezember 1972 gab den Anstoss Rosa von Praunheims Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt», der damals im Berner Kellerkino gezeigt wurde. Um Anschluss an die Vorführung wurde heftig diskutiert und eine Schwulenorganisation gefordert. In den ersten Statuten der HAB wurde der Zweck des Vereins mit «Förderung der zwischenmenschlichen Beziehungen» umschrieben.

Anfänglich waren die lesbischen Frauen noch in die HAB integriert. Doch spätestens nach der Ausstrahlung der «Telearena» im Frühjahr 1978 ging die Integration der Lesben innerhalb des Vereins endgültig schief. In der Schrift «Unentwegt emanzipatorisch» zum 20. Jubiläum der HAB schrieb der Historiker Erasmus Walser: «Nach dem Erfolg der ‹Telearena› über männlich-schwule Lebensformen trennte sich die Lesbische Initiative (LIB) endgültig von den HAB». Erst seit ein paar wenigen Jahren sind die lesbischen Frauen* – u.a. Dank der HAB-Lesbenberatung – etwas sichtbarer geworden.

50 Jahre nach Stonewall haben in der Schweiz strafrechtliche Sanktionen gegen Homosexuelle keine Bedeutung mehr. Wir kennen die Möglichkeit einer «eingetragenen Partnerschaft» und wir hoffen auf die baldige Öffnung der Zivilehe. Es macht den Anschein, dass mit der Verbesserung der Situation von uns Homosexuellen gleichzeitig aber trans und intergeschlechtliche Menschen umso unsichtbarer wurden – in der Schweiz bis zur Gründung von Transgender Network Switzerland vor knapp zehn Jahren.