«Homo‐Heilung»: Was für eine Scheisse ist das denn?

Vor 50 Jahren haben wir homosexuellen Menschen damit begonnen, mit unserer sexuellen Orientierung stolz umzugehen. «Out and Proud» wurde zum Schlagwort der neuen Generation homosexueller Menschen.

Der Stonewall‐Aufstand in New York ist beispielsweise ein Meilenstein unserer Bewegung. Oder der Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» von Rosa von Praunheim, der in der Schweiz Auslöser für die Gründung von «Homosexuellen Arbeitsgruppen» war. Und knapp 50 Jahre später erfahren wir aus den Medien, dass ein anerkannter Psychiater «Therapien» anbietet, um Homosexualität zu «heilen» und dies offenbar sogar von den Krankenkassen übernommen wird.

1979 – im Jahre 10 nach Stonewall – schrieb Rosa von Praunheim im Buch «Armee der Liebenden oder Aufstand der Perversen»: «Ist nicht die Unterdrückung der Schwulen oft eine psychische, ist nicht viel Selbstunterdrückung im Spiel? Sind wir nicht so eingeängstigt und verschüchtert worden, dass wir das Schlimmste fürchten?». Im Jahre 50 nach Stonewall frage ich mich, warum (junge) Menschen ihre sexuelle Orientierung noch immer selbst unterdrücken und Angebote zur «Homo‐Heilung» annehmen. Was macht diesen Menschen derart Angst, dass sie noch immer das Schlimmste fürchten?

Kampf um bürgerliche Rechte

Die vergangenen 50 Jahren haben wir Homosexuellen damit verbracht, um bürgerliche Rechte zu erkämpfen. Wir verlangen die Öffnung der Zivilehe mit den gleichen Rechten und Pflichten, wie sie die Heterosexuellen kennen. Aber bei der Lektüre von Rosa von Praunheims Buch «Aufstand der Perversen» muss ich enttäuscht feststellen, dass sich vieles in der Gesellschaft auch 40 Jahre danach noch nicht verändert hat.

Rosa von Praunheim vor 40 Jahren: «Am meisten haben wir Angst vor den Eltern. Der Liebesverlust unserer Nächsten lässt uns voller Angst bis ans Lebensende Versteck spielen. Warum? Haben wir nicht das verdammte Recht, von unserer Umgebung unser Rechte zu fordern und zu verlangen? Auch wenn sie mal sauer sind, auch wenn wir unsere kranke Mutter ein paar Monate verletzen, ist das so schlimm im Vergleich zu unserer eigenen Selbstzerstörung?»

Selbstzerstörung

Heute wissen wir – und dieser Meinung ist auch die Fachwelt: Der Besuch einer sogenannten Konversionstherapie ist Selbstzerstörung. Homosexualität zu behandeln, ist ethisch in keiner Weise vertretbar und seelische Misshandlung. Solche Therapien können Schäden verursachen, Probleme mit dem Selbstwertgefühl können entstehen. Diese kann sich in Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Krankheiten äussern und nicht selten auch zu Selbstverletzungen und Suiziden führen.

Was für eine «grosse Scheisse» darf beispielsweise ungestraft die Organisation «wuestenstrom» auf ihrer Website wiedergeben? Die menschenverachtende Gruppe bietet nach eigenen Angaben «Menschen Raum, um das in ihrem Leben zu erspüren, was nach Veränderung verlangt». Lange Zeit habe «die Kirche nur den Rat zur Beichte und Unterlassung von sexuellen Handlungen» gegeben. Heute gebe aber die Schwulenbewegung ein Denkverbot vor: «lebe es aus, einen anderen Weg ist nicht denkbar».

Aus der Sicht von uns queeren Aktivist*innen sind Organisationen wie eben «wuestenstrom» lächerlich – auch ich möchte mich darüber lustig machen. Haben aber nicht gerade solche Kräfte das Referendum gegen die Erweiterung der Rassismus‐Strafnorm ergriffen und genügend Unterschriften gesammelt, dass wir nun an der Urne über diese Erweiterung abstimmen müssen? Es gehe um die freie Meinungsäusserung. Da spielt es offenbar keine Rolle, dass die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen noch immer höher ist, als unter gleichaltrigen heterosexuellen Menschen.

Verbot gefordert

Im März 2016 reichte Nationalrätin Rosmarie Quadranti im Parlament eine Interpellation ein. Darin stellte sie fest, dass in der Schweiz «nach wie vor Therapien auch bei Minderjährigen angeboten werden, die eine Heilung von Homosexualität versprechen». Deshalb wollte sie damals wissen, ob es dem Bundesrat bekannt sei, dass es Organisationen gebe, welche solche Therapien bei Jugendlichen durchführen und was er unternehme, «damit Psychologen, Therapeuten, Seelsorger, die solche Therapien durchführen, unter Strafe gestellt werden können».

Bereits zwei Monate später beantwortete der Bundesrat die Interpellation und schrieb in der Antwort, dass dem Bundesrat «namentlich keine Organisationen oder Personen bekannt sei, welche Therapien gegen Homosexualität bei Minderjährigen anbieten oder durchführen». Und weiter schrieb der Bundesrat damals: «Da sich die Therapie von Minderjährigen gegen Homosexualität mit der Berufsethik von psychotherapeutischen oder seelsorgerischen Fachpersonen nicht vereinbaren lässt, ist davon auszugehen, dass insbesondere Angebote von selbsternannten ‹Heilern› in Anspruch genommen werden. Ob die Durchführung solcher Therapien einen Straftatbestand darstellt, kann nur im Einzelfall von einem Gericht beurteilt werden.»

Schon damals dachte ich, dass der Bundesrat hier seine Hausaufgaben nicht ordentlich erledigt hat. Danke Rosmarie Quadranti, dass du es erneut anpackst und du im Juni nochmals einen Vorstoss eingereicht hast, damit der Bundesrat diesmal seine Aufgaben besser macht und «Therapien», welche das Ziel haben, die sexuelle Orientierung bei Kindern und Jugendlichen zu verändern, endlich verboten werden. Denn solange es eine Nachfrage nach Konversionstherapien gibt, solange junge Menschen zu solchen «Therapien» gedrängt werden, solange wird es auch entsprechende Angebote geben. Und deshalb ist unsere Gesellschaft und die Politik in der Pflicht, solche Angebote zu unterbinden und zu verbieten.

Zuckersüsse Versprechungen

Zitieren wir nochmals Rosa von Praunheim aus dem Jahr 1979: «Wenn ein liberaler Staat klug ist, wird er bald die Schwulenbewegung aufgefressen haben, sie eingelullt haben mit einigen zuckersüssen Versprechungen». 40 Jahre später bin ich mir nicht ganz sicher, ob wir uns tatsächlich nicht haben einlullen lassen. Ist die Öffnung der Zivilehe für uns gleichgeschlechtlichen Paaren das zuckersüsse Versprechen? Und was ist der Preis dafür? Und vor allem: Warum fürchten sich Menschen noch immer vor ihrer sexuellen Orientierung, wenn diese nicht der heteronormativen Mehrheit entspricht?