Markus: «Darf man in der heutigen Zeit überhaupt noch Hetero sein??!?»

Der Pride‐Monat Juni ist für dieses Jahr vorbei! Und da gibt doch jetzt tatsächlich Menschen, die nun nach der «Gay Pride» eine «Straight Pride» verlangen. Wohl mehr, um sich lustig zu machen, hat einer meiner Facebook‐Freunde einen Post von der Seite «The Patriot Conservative» geteilt – und damit eine heftige Diskussion ausgelöst, die mich erschaudern lässt.

Zu sehen ist eine Illustration einer Familie mit Mann, Frau und Kind, die sich mit einem Schirm vor den Farben des Regenbogens schützen will. Und darunter ist zu lesen: «Anyone else proud to be straight????». Kaum war die Illustration geteilt, begann eine angeregte Diskussion. Und ich habe mich daran beteiligt, erst belustigt, dann etwas ärgerlicher.

Es sei ja «nun wirklich nichts spektakuläres», dass die restlichen elf Monate des Jahres «hetero‐pride‐months» sind, schreibt Peter. Darauf antwortet Hans: «To be fair; mehr als 11/12 der Bevölkerung sind hetero». «Wahrscheinlich sind es eher so gegen 11 Prozent, was deutlich mehr wäre als 1/12» rechnet daraufhin Peter nach. Und Hans antwortet sofort: «Wenn das denn stimmt, es gibt verschiedenste Quellen mit stark abweichenden Zahlen».

Darauf muss ich antworten und ich schreibe leicht gereizt: «Aussterben werden wir nicht – da auch Heterosexuelle bei der Produktion unseres Nachwuchses mithelfen». Darauf Hans: «Ich sehe da ehrlich gesagt keinen Zusammenhang zwischen ihrer und meiner Aussage». Ich darauf: «Und was genau wollen sie uns aber mit ihrer Aussage sagen?».

Hans: «… dass es komisch ist, dass man stolz sein darf, Teil der LGBTQ‐Community zu sein, aber nicht stolz sein darf, wenn man als Mann eine Frau liebt und ihr die Leute, die nicht Teil von eurer Community sind für jede Kleinigkeit anschwärzt und an den Karren fahrt. Ihr fordert Toleranz aber seid gegenüber Personen ausserhalb eurer Community die intolerantesten Vögel.»

Ich: «Also ich bin sehr tolerant! Beispielsweise auch gegenüber Männern* wie der Bischof Huonder. Als er an einem Kirchenkongress aus der Bibel zitierte und mir so mehr oder weniger direkt den Tod gewünscht hat, wusste ich: Ich darf ihn deshalb nicht hassen, sondern in unserem Kreis – geliebt – aufnehmen und mit ihm feierlich die Pride feiern.»

Hans: «Stolz kann man auf eine aussergewöhnliche eigene Leistung sein, z.B. wenn man ein Boot selber baut und dieses einen hohen ästhetischen Wert hat, nicht aber auf etwas, wofür man keine Leistung erbracht hat, sei es Rasse, Religion oder sexuelle Präferenzen. Das ist falscher Stolz und einfach nur dumm und faul und geschieht meist aus dem Grund, weil man nichts sonst erreicht in seinem Leben, worauf man stolz sein könnte. … Ich habe überhaupt kein Problem mit Menschen mit anderer sexueller Orientierung als ich, ich habe nur etwas die Schnauze voll von der Propaganda‐Maschinerie, welche Zensur und Rechtsbeschneidung fordert.»

Peter: «Es ist keine Leistung, homosexuell zu sein. Sondern den Schritt zu machen, mit sich selbst damit im reinen zu sein in einer Gesellschaft, in der es noch immer sogar institutionelle Diskriminierung gibt.»

Hans: «Institutionelle Diskriminierung ist meines Erachtens im momentanen Zustand des Staates, in dem wir beide uns befinden eine lahme Lüge, daraus folgend ist es auch keine Leistung mehr zu seiner sexuellen Orientierung zu stehen. Ich sehe auf Facebook, YouTube, in Zeitschriften und Zeitungen nur Kommentare die LGBTQs in ihrer Orientierung unterstützen, es ist inzwischen mehr als nur verpönt sich gegen LGBT und Q Personen zu äussern, was auch gut so ist. Dies bedeutet aber auch, dass es schon längst keine Leistung mehr ist, nicht Hetero zu sein, und somit auch nichts mehr, worauf man stolz sein kann. Wer heute noch stolz auf seine sexuelle Orientierung ist, ist genauso ein ‹Hinterwäldler›, wie jemand der auf seine Rasse stolz ist.»

Peter: «Natürlich gibt es noch institutionelle Diskriminierung. Beispielsweise bei der Ehe, bei Patientenrechten, beim Erbrecht oder beim Zugang zu Adoptionsprozessen oder Fortpflanzungsmedizin. Allein, dass sie diese institutionelle Diskriminierung sogar noch leugnen, macht deutlich, wie wichtig der Pride‐Monat ist.»

Hans: «Diese Dinge sind nicht folge von Diskriminierung, sondern Folge von der Zähigkeit der Juristerei. Immer noch sehe ich keine Leistung darin, eine andere sexuelle Orientierung zu haben.»

Peter: «Sind sie noch nicht auf die Idee gekommen, dass ihnen schlicht die Erfahrung oder das Einfühlungsvermögen fehlt, weshalb ein solcher Monat seine Existenzberechtigung hat? Oder ist das schlicht derselben Ignoranz geschuldet, mit der sie das Argument der institutionalisierten Diskriminierung als ‹Folge der Zähigkeit der Juristerei› vom Tisch gewischt haben?»

Ich: «Natürlich ist die sexuelle Orientierung nicht etwas, worauf wir stolz sein müssen! Die sexuelle Orientierung wurde uns gegeben, wir suchen uns diese nicht aus … Aber – und diese Geschichte ist gerade vor 50 Jahren passiert – nach jahrelanger Unterdrückung und Polizeischikanen war in New York genug. LGBTIQ‐Menschen begannen sich zu wehren und während ein paar Tagen kam es zu Strassenschlachten. Polizeiautos und Container brannten … Wir waren endlich out and proud – und laut. Das passierte an der Christopher Street und seither feiern wir jährlich den Christopher Street Day, oder eben die Gay Pride … Solange die Selbstmordraten unter homosexuellen Jugendlichen noch immer bedeutend höher sind als unter gleichaltrigen Heterosexuellen, solange bin ich als alte Tunte gegenüber der Jugend verpflichtet als Beispiel voranzugehen – selbstsicher und mit beiden Füssen auf der Erde – eben stolz!»

Constantin: «Mit dem Bild wird die Heterosexualität nur durch Familiengründung legitimiert. Es ist hier also eine Gebär‐Zweck‐Fähigkeit, auf die man stolz sein soll und nicht wirklich auf seine heterosexuelle Neigung. Gerade Konservative haben sich in der Vergangenheit nicht gerade für das Feiern von Hetero – sondern eher durch Dämonisierung von männlicher Homosexualität hervorgetan. Daher ist etwas Misstrauen durchaus angebracht.»

Kevin: «Es stimmt, dass LGBTXYungelöst zunehmend Raum einnimmt. Ist ja gut, wir mögen euch, aber man kann es auch übertreiben.»

Fabio: 🤮

John: «Was hier an heteronormativem Müll verbreitet wird, auf der Seite eines mir als reflektiert bekannten Menschen, lässt es mir kalt den Rücken runter laufen. … Die vermeintliche ‹Unterdrückung› heterosexueller Ausrichtung ist nur eines: ‹conservative fragility› und sie ist ein Zeichen für nicht ausreichend reflektierte Standpunkte! Das ist nichts anderes als Rassismus oder Sexismus!»

Die Dialoge sind mehr oder weniger eins zu eins aus den Kommentaren übernommen, einzig die Namen habe ich geändert.