Der alte weisse Schwule versteht die Welt nicht mehr. Sicher?

Vor ein paar Tagen erschien im deutschen ‹Tagesspiegel› ein von Dirk Ludigs verfasster spannender Artikel über den «alten weissen Schwulen». Knapp vor 60 zähle ich mich zu dieser Gattung Mensch: Ich bin weiss und schwul und als alt gelte ich in der Schwulenszene bereits seit ich 29 bin. Das ist aber ein anderes Thema!

Kernaussage des Artikels: «Auch in der LGBTI-Welt fürchten manche um ihre Privilegien – und reagieren nicht anders als Heteros».

Auf dem Weg in die Mitte der «Spassgesellschaft» habe eine neue Generation von «Spassverderber*innen» eine «dritte Welle des Feminismus» ausgerufen und einen neuen, wenn auch bekannten Feind ausgemacht: den alten, weissen Mann!». «Der müsse seine Privilegien erkennen und abgeben, im Zweifelsfall auch unfreiwillig», schreibt Dirk Ludigs in seinem Artikel. Mit Hilfe von Kampagnen wie #metoo und «bewaffnet mit akademischen Theorien, gelinge es dieser dritten Welle zunehmend ihre «Feinde zu verunsichern».

Im eigentlichen Zentrum der Kritik stehe, schreibt der Journalist Ludigs, der «alte weisse Schwule». Grund: der neue Feminismus betone «so stark das Thema der Identität», dass sich spannenderweise auch jene Männer bedroht fühlen, die sich bisher stets als die grossen Frauenversteher fühlen durften: «Denn er fordert auch von ihnen die Einsicht, dass sie in einer vom Weisssein, der Heterosexualität und dem Mannsein dominierten Welt nicht nur das grösste Stück des Kuchens besitzen – sondern ihn backen, wie die junge deutsche Feministin Sophie Passmann es formuliert hat.» Deshalb sollten wir unsere Privilegien abgeben und endlich mal den Mund halten und die anderen backen lassen.

Dies sei ein gesamtgesellschaftlicher Konflikt, schreibt Dirk Ludigs weiter, «der genau entlang dieser Linien, aber wie durch ein Brennglas verstärkt, auch in der Regenbogenkoalition der LGBTIQ*-Welt ausgetragen wird». Weil «Hetero» in dieser Welt definitionsbedingt nicht vorkomme, stehe hier der weisse, alte Schwule im Zentrum der Kritik am Raffen von Macht, Ressourcen, Deutungshoheit und Privilegien.

Wir alten, weissen – vor allem bewegten – schwulen Männer würden nun die Welt nicht mehr verstehen. Ich soll Privilegien haben? Ich, der eigentlich nur immer für gleiche Rechte gekämpft habe? Wo bin ich privilegiert?

Noch immer ist «schwul» ein Schimpfwort auf den Schulhöfen, noch immer erleben schwule Männer Gewalt auf den Straßen, noch immer outet sich nur jeder Dritte am Arbeitsplatz.

Wer an Privilegien will, der soll sie sich von den Heteros holen!

Spätestens im Jahr 50 nach Stonewall wissen wir, dass beim Aufstand in New York nicht der weisse Schwule vorne stand, sondern trans Frauen of color. Wir wissen aber auch, dass im deutschsprachigen Europa nicht unbedingt «Stonewall» als Startpunkt der modernen homosexuellen Bewegung gilt, sondern der Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» von Rosa von Praunheim. Bis dieser Film auch tatsächlich in Bern gezeigt werden konnte, musste regelrecht um einen Vorführungsort gekämpft werden. Und zu diesem Zeitpunkt wurden in den USA trans Personen gerade aus den Organisationen ausgeschlossen. Die «eindeutig geschlechtlich identifizierten» Schwulen und Lesben erhofften sich so bessere Chancen für ein Antidiskriminierungsgesetz. Und so ist die Tatsache, dass unsere Community nicht nur aus Homosexuellen bestehen könnte, gar nie in unseren Köpfen angekommen. In der Schweiz erhielten die Organisationen zum damaligen Zeitgeist passende Namen wie «Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern» oder «Homosexuelle Arbeitsgruppen Luzern».

Dirk Ludigs ist sich im ‹Tagesspiegel› sicher: «Den letzten Kampf haben alte schwule Männer noch vor sich». Die Angst von uns schwulen Männer vor der Auslöschung unserer eigenen Identität sei aufgrund unserer Geschichte verständlich, aber unsinnig. Als Identität werde «schwul» natürlich weiterexistieren. «Doch die Schwulenbewegung als gesellschaftliche Kraft ist deutlich spürbar an ihr Ende gelangt». Sie müsse in einer grösseren, queeren Emanzipationsbewegung aufgehen, die gleichzeitig auch antirassistisch, feministisch und non-binär ist.

Es bleibt zu hoffen, dass es ihnen gelingt, die eigene Geschichte kritisch zu reflektieren und sich gleichzeitig in die größere, queere Erzählung mit hineinzuschreiben. Die Alternative dazu, sich aus ihr herauszuschreiben, stünde gegen den emanzipatorischen Gedanken, für den sie selbst einmal angetreten sind.

In Bern haben wir die Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern gerade in hab queer bern unbenannt. Als Vorstandsmitglied dieses Vereins weiss ich, dass die Mitglieder vorwiegend schwul und weiss sind. Die Homosexuellen Arbeitsgruppen Bern wurden vor knapp 50 Jahren gegründet. Befasst mensch mit der Geschichte des Vereins, hätte als Namen anfänglich besser «Homosexuelle Kampfgruppe Bern» gepasst. Doch mit dem Ruf, doch auch heiraten zu dürfen, wurden auch immer mehr die klassischen Geschlechterrollen übernommen. Ideen jenseits der heteronormativen Ehe- und Familienmodelle verschwanden. Die 60er-Bewegung («make love not war») war vergessen. Das grosse Glück von vielen Schwulen wurde – eingetragen – das Reiheneinfamilienhaus im Grünen mit Hund! Akzeptiert von den Nachbarn, weil sie ja besonders perfekt den Rasen mähen und den Abfall immer zur richtigen Zeit vor das Haus stellen …

Wie Spiesser – wir nannten sie früher «Stinos» – sehen wir plötzlich eine neue Generation heranwachsen: weiblich, männlich und non-binär. Eine Generation, die es schafft, queer zu denken und den Buchstabensalat LGBTIQ auch richtig einordnen kann.

Es sei schade, schreibt Dirk Ludigs im ‹Tagesspiegel›, dass es vielen alten, schwulen Männern bisher nicht gelinge, «aus der Kritik an schwuler Bewegung und schwulen Institutionen andere Rückschlüsse zu ziehen, als ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossen im Grossen».

Koalitionen

Als Kommentar zum ‹Tagesspiegel›-Artikel schreibt Max Krieg, Vorstandsmitglied bei Pink Cross und hab queer bern, zum «letzten Kampf» von uns schwulen weissen Männern: «Dennoch bin ich der Meinung, dass sich viele viel Mühe geben, in diesen Überlegungen mitzuhalten.»

Für Max Krieg – ich nenne ihn sehr oft liebevoll «alte Kriegerin» – ist klar, dass «Koalitionen zwischen LGBTIQ und den anderen Bürgerrechtsbewegungen» gefördert werden müssen. Denn: «Diskriminierung der einen schwappen sehr leicht auf die anderen über. Deshalb gilt es, Diskriminierungen ganz allgemein den Riegel zu schieben. Und deshalb sollten fremdenfeindliche (rassistische) Ideen und Verhalten in der LGBTIQ-Gemeinschaft überhaupt keinen Platz haben.»

Darüber reden!

Ich möchte ergänzend und abschliessend hinzufügen, dass gerade wir weissen schwulen Aktivisten unsere «Mitschwestern» nicht allein lassen dürfen. Wir müssen miteinander reden.

Deshalb ruft hab queer bern am 18. September zu einer Kick-off-Veranstaltung unter dem Titel «Du bist schwul und so um die 60?» auf. 1979 schrieb Rosa von Praunheim: «Wir müssen lernen uns als Schwule zu akzeptieren, herausfinden welche Bedürfnisse wir als Schwule haben». Und er fragte sich und uns schon vor 40 Jahren ziemlich deutlich: «Wollen wir die heterosexuelle Ehe nachahmen mit all ihrer ‹Scheisse› oder wollen wir ständig auf der Suche nach dem Glück durch Saunas wandern?». Wo stehen wir heute innerhalb des Buchstabensalates? Was sind unsere Bedürfnisse an unser Leben an der Schwelle des dritten Lebensabschnittes? Diese Fragen sollten wir gemeinsam angehen!

Kick‐off «schwul 60plusminus»:
Mittwoch, 18. September 2019, 19.00 Uhr
Villa Stucki, Seftigenstrasse 11, Bern (Raum Pinie, 1. OG)