Willkommen in Sodom, oder: Eigentlich irrelevant

Der letzte Freitag war der Tag, an dem ich nicht nur für ein paar Stunden meine Bubble verlassen habe, sondern mich auch mit Religion beschäftigen musste. Zum Glück allerdings durfte ich aber am späteren Nachmittag an einem Projekt des Gleichstellungsbüros der Stadt Bern teilhaben, das den Tag gerettet hat.

Der oberste Protestant der Schweiz befürwortet die «Homo-Ehe»! Die Aussage von Gottfried Locher, Präsident des Evangelischen Kirchenbunds machte am Freitag Schlagzeilen – vor allem aber seine Aussage, dass Homosexualität dem Schöpfungswillen Gottes entspreche. «Es stehe der Landeskirche gut an, den neuen gesellschaftlichen Konsens ernst zu nehmen», zitieren die Tamedia-Zeitungen den Theologen. Doch habe das Thema das Potenzial, die Kirchen zu spalten. Mensch lasse sich diese Aussage mal durch den Kopf gehen: WIR HABEN DAS POTENTIAL EINE KIRCHE ZU SPALTEN! Schräg! Dabei geht es uns doch nur um Liebe und darum, dass wir die gleichen Rechte haben und heiraten dürfen. Nichts anderes!

Bei solchen Meldungen halte ich es ja eigentlich wie Valentin Abgottspon, der Vizepräsident der Freidenker. «Eigentlich irrelevant», schreibt er auf Facebook. Aber leider konnte ich nicht auf die Lektüre der Kommentare unter dieser Meldung verzichten. Ein paar Beispiele:

«Der Fall ist eindeutig, da nirgends steht, dass Mann und Mann und Frau mit Frau zusammengehören. Mit diesen Versionen ist kein Fortbestand der Menschheit möglich.»

«Das nennt man dann Verleumdung und Verrat der christlichen Werte und Gebote, die gemäss Bibel nun mal unumstösslich und ewig gültig sind.»

«… ob ich in eine Kirche gehe oder an eine Street Parade oder nach Sodom, alles ohne ethische noch moralische Werte alles neutral und wertefrei, da kann ich ja auch statt die Bibel Harry Potter lesen oder jeden Quatsch, den es zu lesen gibt.»

Natürlich gab es auch positive Kommentare zu den Äusserungen des obersten Protestanten. So schrieb etwa Lukas: «Was ist denn bitte so schlimm daran, wenn zwei sich liebende Menschen heiraten wollen? Liebe ist grundsätzlich nur positiv und ein Gott der Liebe zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Partnern verbietet, kann kein guter Gott sein.»

Es war am frühen Morgen des vergangenen Freitages. Ich bin gerade aufgestanden und checke beim ersten Kaffee die Lage der Welt. Auf Facebook entdecke ich ein schwarzweisses Foto. Darauf in Schwarzweiss abgebildet eine Kirche und darunter Marcel Erhard, der für die BDP für den Nationalrat kandidiert. Darüber in gelber Schrift: «Ehe für alle, für mich eine Selbstverständlichkeit.» Ich klicke «Gefällt mir» und das bewirkt, dass ich nun den lieben langen Tag lang die Kommentare zu diesem Bild lesen MUSS – und auch kommentieren MUSS.

Einer der vielen Kommentare: «Dass nennen Sie ‹Selbst-Ver-Städig›. Ich nenne es ‹Abfall der Menschheit›!». Ich antworte darauf: «Warum muss ich als ‹Abfall› eigentlich Steuern zahlen?». Ich kriege als Antwort zurück: «Eine EHE zwischen Mann und Mann ist wie einen Samen auf einen Stein zu legen … bringt es Frucht ???? Niemals! Genau so geht’s zwischen Mann und Mann (Fruchtlos)!».

Es geht hin und her. Mein Kontrahent heisst Martin. Und er postet für mich Videos mit den Titeln wie «Jesus Christus rettete mich nach 28 Jahre Homosexualität» oder «Jesus befreit eine Lesbe». Das hin und her beginnt mich gerade zu langweilen, als Martin plötzlich postet:

Ich drücke mein Bedauern über diesen schrecklichen Missbrauch aus und probiere zu erklären, dass der Missbrauch von Kindern ein Verbrechen sei, aber nichts mit Homosexualität zu tun habe. Dass Schwule in den gleichen Topf wie Pädophile geschmissen werden, sollte eigentlich in der Zwischenzeit überwunden sein.

Mein Argument, dass Homosexualität nichts mit sexuellem Missbrauch zu tun hat, ist nicht angekommen. Zu tief sitzt diese schreckliche Verletzung offenbar. … Und ich denke dabei unweigerlich an die vielen Missbrauchsopfer der Kirchen. Und damit hat sich der Kreis am letzten Freitag gegen Abend wieder geschlossen.

Ich packe meine grösste Regenbogenfahne ein und fahre zum Rosengarten. Dort wartet bereits Marianne Kauer vom Gleichstellungsbüro der Stadt Bern und viele andere tolle Menschen auf mich. Wir stellen uns für ein Foto an die Sonne, dass die ganze Buntheit unserer Community ausdrücken soll. Im Hintergrund überragt die Szene das Berner Münster …