Kauft nicht bei … Die Sache mit dem Boykott

Die Firma Läderach verkauft nicht nur leckere Schokolade, sondern auch christliche Werte. So investiere der Familienbetrieb – wie CEO Johannes Läderach gegenüber jesus.ch sagte – «einen Teil des Reingewinns in christlich-soziale Projekte». Zudem wird der Name Läderach seit längerer Zeit auch in Zusammenhang mit dem Verein «Marsch fürs Läbe» gebracht – doch dieses Engagement sei rein privater Natur. Irgendwie habe ich trotzdem das Gefühl, dass ich wohl mit dem Kauf von Schoggi beim Läderach trotzdem den «Marsch fürs Läbe» mitfinanziere.

Am jährlichen «Marsch fürs Läbe» nehmen jeweils fundamentalistische Christ*innen teil und demonstrieren so gegen das Recht auf Abtreibung, gegen Sexualkunde in den Schulen und gegen gleichgeschlechtliche Lebensmodelle. Im letzten Jahr hat der Protest in Bern stattgefunden und in diesem Jahr ist er am 14. September in Zürich geplant.

Vor dem letztjährigen «Marsch» schrieb ich für hab queer bern eine Medienmitteilung. Darin erwähnte ich unteranderem auch Walter Mannhart, Leiter Einkauf bei Läderach. Sollte die Rassismus-Strafnorm um den Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität erweitert werden, ist für Mannhart die Meinungs- und Religionsfreiheit in Gefahr. So mancher Prediger könne dadurch in Schwierigkeiten geraten, «wenn er sich in seiner Verkündigung auf Gottes Wort stellt und die Homosexualität als Sünde bezeichnet», zitierte ich ihn in der Medienmitteilung vor einem Jahr.

Das war für mich Grund genug, schon längere Zeit die Schoggi nicht mehr bei Läderach einzukaufen.

Wer kann sich noch an die Geschichte rund um die italienische Firma Barilla erinnern? Es war 2013 als der Vorsitzende Guido Barilla in einem Interview erklärte, dass die «heilige Familie in unserer Firma ein fundamentaler Wert» sei. Auf die Rückfrage, ob er sich vorstellen könne, einen Werbespot mit einer homosexuellen Familie für seine Marke zu produzieren, antwortete er: «Nein, so einen Werbespot würden wir nicht machen. Unsere Familie ist eine traditionelle Familie.»

Die Empörung war gross – und ich dachte mir, dass es noch andere Pasta gibt, als die von Barilla.

Ebenfalls 2013 geriet der katholische Buchhändler «Weltbild» in die Schlagzeilen. Die Süddeutsche Zeitung schrieb am 12. Juni 2013: «Die katholische Verlagsgruppe hat nun Bücher, die sich mit Homosexualität befassen, aus dem Sortiment genommen». Und tatsächlich ist beispielsweise der wunderbare Roman «Ein letztes Mal wir» von Lovis Cassaris bei «Weltbild» nicht erhältlich. Auf meine Anfrage hin, warum dieser Roman nicht verkauft werde, bekam ich vom Kundendienst die lapidare Antwort: «Mit den von Ihnen angegeben Daten konnten wir kein Kundenkonto in unserem System ermitteln». Ich hackte nochmals nach – und erhielt keine Antwort mehr.

Deshalb kaufe ich doch meine Bücher lieber bei Queerbooks an der Berner Herrengasse.

Etwas länger liegt die Geschichte rund um Kambly zurück. Am 9. Januar 1995 konnte im Bundeshaus die Petition «Gleiche Rechte für gleichgeschlechtliche Paare» deponiert werden. Mit über 85’000 gesammelten Unterschriften forderten wir Schwulen und Lesben vom Parlament die Möglichkeit einer eingetragenen Partnerschaft. Diese Petition schreckte schon damals fundamentalistische Christ*innen rund um die EDU auf. Diese sammelten drum auch Unterschriften, ihre Petition trug den Namen «für die Förderung gesunder Familien und gegen die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare». Unterstützt wurde das Petitionskomitee damals vom Berner Unternehmer Hermann Kambly. Ich befürchtete bereits auf meine geliebten «Bretzeli» verzichten zu müssen. Doch beeilte sich Oscar Kambly zu erklären, dass Cousin Hermann nichts mit seiner Feingebäck-Herstellung in Trubschachen zu tun habe …

Nebengeräusche

Für mich haben allerdings diese Boykott-Aufrufe immer irgendwie auch Nebengeräusche. Es war 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland zum Judenboykott aufriefen. An die Schaufenster von jüdischen Geschäften wurden Schilder mit der Aufschrift «Deutsche wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!» angebracht. Damit sollten diese aus dem Wirtschaftsleben verdrängt werden. Wegen der Passivität der Bevölkerung wurde der Boykott allerdings abgebrochen.

Wenn ich die Schoggi nicht bei Läderach und die Bücher nicht bei «Weltbild» kaufe, meine ich da «Kauft nicht bei Christen!»? Darf ich Schokolade von Läderach mit der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten in den gleichen Topf schmeissen? Nein, werden die Leute von Läderach sagen. Doch, meine ich, da es hier um Ideologien geht. Und weder die sexuelle Orientierung noch die Geschlechtsidentität ist eine Ideologie. Aber das «glauben» fundamentalistische Christen wiederum nicht! Oder warum bezeichnet der Papst Homosexualität als Modeerscheinung? Oder warum macht es sich die reformierte Kirche so schwer mit der Öffnung der Ehe?

Übrigens: Die Redaktion von «idea Spektrum – Nachrichten aus der evangelischen Welt» befindet sich in Belp bei der Jordi Medienhaus AG (Printzessin). Hinter «idea Spektrum» stehen gemäss eigenen Angaben unteranderem die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA). Und Präsident der SEA ist Wilf Gasser, der wiederum zum Organisationskomitee des «Marsch fürs Läbe» gehört. Gasser behauptet immer wieder, dass die sexuelle Orientierung formbar sei und ein Drittel der Veränderungswilligen zur Heterosexualität finden würde. Dabei ist sich die moderne Psychologie heute einig, dass Homosexualität schon früh angelegt und keine selbst gewählte Neigung ist.