Reformierte Kirche: «Diskussionsscheu»?

Am gestrigen Samstag ist im Berner «Bund» unter dem Titel «Schwule haben im Kirchgemeinderat keinen Platz» ein ausführlicher Artikel erschienen, der hoffentlich etwas für Wirbel innerhalb der Kirchen sorgt. Ausführlich erzählen die beiden Journalisten Frank Geister und Simon Gsteiger den krassen Mobbingfall gegenüber «Max Blum» in der Kirchgemeinde Melchnau.

Schlagzeile im Berner «Bund» vom 7. September 2019

Und was ich vermutete, bestätigt der Artikel indirekt: «Homophobe Zwischenfälle in der Kirche kämen immer wieder vor, sagt Irène Schwyn, reformierte Pfarrerin in Zug und Mitglied von Cool, einer christlichen Organisation von Lesben, gegenüber dem «Bund». Sie kenne Personen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung Mühe bei der Stellensuche haben und innerhalb der Gemeinschaft teilweise verletzende Äusserungen zu hören bekommen. Oft sei es zwar «bereichernd», wenn nicht alle eine gemeinsame Vorstellung teilen, meint Irène Schwyn weiter. «Aber in Bezug auf die sexuelle Ausrichtung stelle sie eine «Diskussionsscheu» fest.» Menschen, die aus religiösen Gründen homophob agieren seien zwar in den reformierten Kirchgemeinden eine Randgruppe, seien aber «gut organisiert».

Es war bereits vor ein paar Monaten, als ich mich mit «Max Blum» und seinem Partner traf. Seine Geschichte traf mich sehr! Nicht unbedingt die Tatsache, dass er in seiner Kirche wegen seiner Homosexualität gemobbt wurde und wird, sondern vor allem darum, erkennen zu müssen, dass sich niemand in seinem kirchlichen Umfeld hinter ihn stellte. Es wurde zwar von kirchlicher Seite viel unternommen (viele Gespräche und sogar eine Mediation durchgeführt), aber es stellte sich niemand innerhalb der reformierten Kirche tatsächlich auf die Hinterbeine und stellte sich hinter «Max Blum» – oder schützend vor ihn.

Auf Wunsch von «Max Blum» habe ich im Namen von hab queer bern am 21. April dieses Jahres einen Brief an den Synodalrat geschrieben. «Entsprechend unserer Tradition als offene Volks- und Landeskirche sehen wir eine zentrale Aufgabe darin, in Fragen des religiösen Lebens andere Auffassungen und Lebensweisen unter Beteiligten Verständnis zu entwickeln und bei Konfliktsituationen im Dialog gemeinsam geeignete Auswege zu suchen», schrieb der Synodalrat daraufhin im Antwortschreiben. Darf es in unserer doch aufgeklärten Welt beim Thema Homosexualität noch «andere Auffassungen» geben? Die sexuelle Orientierung kann sich nicht wie etwa neue Jeans ausgesucht werden. Wir Lesben und Schwule sind Tatsache, Diskussionen über unsere Lebensweise braucht es keine mehr.

Kehrseiten des Christentums

Ein Blick auf die Kommentare unter dem Artikel auf derbund.ch lohnt sich diesmal besonders, da sie alle positiv sind. Der Mobbingfall sei die «Kehrseiten des Christentums». Und sogar die Bibel wird zitiert: «Selbst Jesus hat gesagt, dass er Streit bringe, und Andersgläubigen hat er mit Verdammnis gedroht». «Religiöser Fundamentalist*innen gehören nicht in solche Ämter», ist sich ein anderer Kommentator sicher. «Ein Grund mehr, weshalb ich aus diesem Verein schon lange ausgetreten bin», schreibt ein weiterer Kommentator.