Die Liebe hat den langen Atem

Ich habe mich schon gestern geäussert – äusserst einseitig und parteiisch – so steht es schliesslich im Titel meines Blogs geschrieben: In der reformierten Kirche gäbe es viele Pfarrpersonen, die sich vehement gegen die Eheöffnung für gleichgeschlechtlich Liebende stellen – da es so in der Bibel stehe.

Was ich nicht geschrieben habe: Über 400 Pfarrpersonen haben unter dem Titel «Die Liebe hat den langen Atem» ein Manifest als Antwort auf diese «Bibeltreuen» verfasst. Ich habe es gelesen …

Die Liebe hat den langen Atem, gültig ist die Liebe, sie eifert nicht. … Sie trägt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles. … Die Liebe kommt niemals zu Fall: Prophetische Gaben – sie werden zunichte werden; Zungenreden – sie werden aufhören; Erkenntnis – sie wird zunichte werden.

Spannend ist allerdings vor allem das Fazit im letzten Abschnitt dieses Manifest: «Ausgehend von einer Maxime der Liebe Gottes darf für die Kirche keine menschliche Erkenntnis – auch keine theologische oder exegetische – je Grund sein, zwei liebenden, mündigen Menschen den Segenszuspruch zu verweigern.»

Und was mich irritiert: Nirgends werden in diesem Manifest die drei Worte «Ehe für alle» erwähnt!

Heute werden nun also in Bern die 70 Abgeordneten des Evangelischen Kirchenbundes über uns «richten». Ist die gleichgeschlechtliche Liebe in deren Augen tatsächlich gleichwertig? Falls es diesen Gott tatsächlich geben sollte, wird er den Abgeordneten den richtigen Weg weisen …


Gleichgeschlechtlich Liebende fallen in monotheistisch geprägten Kulturen aus der Geschichtsschreibung heraus. 2500 Jahre Unterdrückung im Namen eines Gottes dürfen nicht aus dem Gedächtnis der Menschheit gelöscht werden.

Homosexuelle wurden aus der Gesellschaft hinausgedrängt und für alles, was schief lief, verantwortlich gemacht. So wurden zwischen 1641 bis 1791 allein im Landgericht Kyburg (Kanton Zürich) 78 Personen wegen Sodomie und Bestialität zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Der Hass und die Hatz sind noch nicht zu Ende. Homosexuelle Flüchtlinge aus christlichen und muslimischen Ländern berichten von Verfolgung und Todesdrohung, noch im Jahre 2019.

Einzelne Bibelstellen werden von homophoben Fundamentalisten aus dem Zusammenhang gerissen und als autoritative Belegstellen für die Verurteilung angeführt. Die Bibel böte aber auch ganz andere Lesarten, die dem theologischen Gehalt der Texte und der Tragik gleichgeschlechtlich Liebender viel besser entsprechen würden als die üblichen und oft missverstandenen Text-Fetzen zur Homosexualität.

Aus dem aktuellen Newsletter von schwulengeschichte.ch