Von knackigen Ärschen, dem Welt-Aids-Tag, König David, Akzeptanz und Gleichstellung

Black Friday, Advent, Cyber Monday – und war da nicht noch was? Ach ja, gestern war Welt-Aids-Tag, der fast unbemerkt am mir vorbeiging! Die wichtigste Botschaft zum diesjährigen Welt-Aids-Tag: HIV-positive Menschen unter erfolgreicher Therapie stecken niemanden an, auch nicht beim Sex.

Der Checkpoint in Zürich wollte gestern zum Welt-Aids-Tag auf Facebook ein Video veröffentlichen, das unteranderem auch ein küssendes Männerpaar zeigt. Zweimal wurde das Video abgelehnt, es zeige «sexuelle oder anzügliche Bilder, Nacktheit und Menschen in anzüglichen Posen oder sexuell provokanten Handlungen». Gegenüber der «Mannschaft» sagte Bastian Baumann, der Leiter des Checkpoint Zürich: «Facebook verkauft sich gerne als LGBT-friendly und läuft an den Prides mit und aktiviert die Regenbogenfahne jeweils im Juni, zwei sich küssende Männer will Facebook dann offenbar aber doch nicht». Facebook erschwere damit den Präventionsauftrag des Gesundheitszentrums und blockiere den Inhalt einer breiten Bevölkerung, nur aufgrund eines schwulen Kusses.

Dass Facebook sich ziemlich verklemmt gibt, musste ich vor ein paar Tagen ebenfalls erfahren. Im Juli postete ich auf meinem «stinknormalen» Blog und auf der Website von hab queer bern einen Beitrag zum verschwundenen «Bueber» in der Berner Badeanstalt Marzili, den ich mit einem Screenshot aus dem Film «Zwätschegrill» aus dem Jahr 1984 nach Christus bebilderte. Das Bild zeigt die knackigen und nackten Hintern von zwei Männern, die in «anständigem» Abstand beieinander auf dem «Zwätschgegrill» liegen. Die Posts auf den beiden Webseiten habe ich über Facebook verlinkt – und die Verlinkung via meinem «stinknormalen» Blog wurde nun wegen «Nacktdarstellungen mit After oder Gesäss» gesperrt. Nur lustig, dass Facebook rund fünf Monate brauchte, um das verbotene Bild zu finden und die Verlinkung des gleichen Bildes von der Webseite von hab queer bern nicht beanstandete … Der genaue Titel des Films von hab queer bern (damals noch «Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern») heisst übrigens im Untertitel «Der gehörige Abstand zwischen den Badetüchern».

Gestern Abend guckte ich mir den Film «120 BPM» an, ein eindrücklicher Film, der mitten in der Aids-Krise in Paris spielt und den von ACT UP geführten politischen Kampf zu dieser Zeit aufzeigt. In der Zwischenzeit wurde Aids von einer tödlichen zu einer chronischen Krankheit. HIV-Infizierte leben ein fast normales Leben. Doch die Diskriminierung und die Stigmatisierung ist geblieben. So wurden der Aids-Hilfe Schweiz in diesem Jahr 105 Diskriminierungsfälle gemeldet. Deshalb hat die Aids-Hilfe zum diesjährigen Welt-Aids-Tag eine Informationskampagne lanciert, um das Wissen rund um HIV in der Bevölkerung zu verbessern und um unbegründete Diskriminierung zu vermeiden. Informiere dich auf wissen.aids.ch

Uns queeren Menschen wird ja sehr oft die Schuld an irgendwelchen Katastrophen gegeben. So sind wir beispielsweise nicht nur für heftige Unwetter verantwortlich, sondern offenbar auch für die Krisen bei den Sozialdemokraten in Deutschland …

Am Samstag hat die SPD in Hamburg eine neue Führungsspitze gewählt. Und am Parteitag sprach auch Sigmar Gabriel, der bis 2018 Bundesvorsitzender der SPD war. In seiner Rede kritisierte Sigmar Gabriel den Einsatz der SPD für «Minderheitenthemen, wie Schwulenrechte, Gleichstellung oder Migration». Hier habe man einen zu grossen Schwerpunkt gelegt, so dass klassische Themen wie ökonomische und soziale Fragen bei den Sozialdemokraten nur noch eine untergeordnete Rolle spielten.

In einer Medienmitteilung widerspricht die Arbeitsgemeinschaft «SPDqueer» den Äusserungen scharf. Sigmar Gabriel versuche, LGBTIQ und andere so genannte Minderheitenrechte gegen Fragen sozialer Gerechtigkeit auszuspielen: «Damit widerspricht Gabriel den Grundwerten und der reichen Gleichstellungsgeschichte der Sozialdemokratie». Der Sozialdemokratie gehe es niemals um Hetze und Spaltung, wie etwa den Rechtspopulisten, sondern um Versöhnung, ein solidarisches Miteinander und das Aushandeln von Konflikten.

Apropos SP: Am vergangenen Donnerstag besuchte ich zusammen mit der Berner Grossrätin Barbara Stucki in Rapperswil BE eine Veranstaltung der dortigen SP zur Abstimmung vom 9. Februar über die Erweiterung der Rassismus-Strafnorm um das Kriterium «sexuelle Orientierung». Den Anfang der Veranstaltung machte die Ortspfarrerin Lilian Fankhauser, die uns die Welt der Bibel erklärte. So verstosse zwar Homosexualität gegen Vorschriften der Bibel, der Verzehr einer Blutwurst aber auch! Und die Theologin zitierte auch König David aus dem Buch Samuel: «Deinetwegen bin ich in Not, mein Bruder Jehonatan, du warst mir so lieb. Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe von Frauen.»

Die anschliessende Diskussion im Bären in Rapperswil war eigentlich auf den ersten Blick nicht fair. Einzig Markus Fankhauser von der EDU und dem Komitee «Nein zum Zensurgesetz» war klar gegen die Erweiterung der Rassismus-Strafnorm. Seine Argumente kennen wir seit Jahren: Zwar liebe er alle Menschen – auch die Homosexuellen – aber man solle doch noch sagen dürfen, dass diese Lebensform nicht in Ordnung sei. Würde die Erweiterung angenommen, dürfe man dann beispielsweise nichts mehr gegen die Öffnung der Zivilehe sagen, da wir dann sofort dagegen klagen würden … Rund 20 Personen waren übrigens anwesend. Und die an diesem Abend mehrmals zitierte Statistik wurde bestätigt: Zehn Prozent der Anwesenden waren homosexuell.

Richtig spannend wurde der Abend allerdings erst beim anschliessenden Bierchen. Alle anwesenden Menschen waren nett und signalisierten uns gegenüber Solidarität. Die Pflegefachfrau mir gegenüber gab allerdings zu bedenken, sie hätte schon «Mühe», wenn eines ihrer Kinder sich als schwul oder lesbisch outen würde. Und der Lehrer oben am Tisch erzählte, dass Homosexualität für seine Schüler*innen – er unterrichtet siebte bis neunte Klasse – eigentlich kein Thema sei. Einzig ein Schüler wolle neuerdings mit einem weiblichen Vornamen angesprochen werden und so nenne er ihn halt so. Auf meine Frage hin, ob das benutzte Pronom noch in Ordnung sei, beantwortete er mit einem Achselzucken. Sprachlos machte mich auch die Bemerkung des Mannes etwa in meinem Alter mir schräg gegenüber, als er mich fragte, warum wir Schwulen immer so arrogant wirken würden. Eigentlich wollte ich ihm darauf erwidern, dass dies wohl an der versteckten Homophobie liege, mit der wir uns regelmässig auseinandersetzen müssten. Ich war mir aber sicher, dass er dies wiederum als Arroganz meinerseits auslegen würde, da er sich sicher ist, doch sehr tolerant zu sein …