Nach 17 Jahren ist Schluss: Purplemoon wird abgestellt

Das Wort zum neuen Jahr über gratis, Kontaktplattformen, Kontaktsuche jeder Art, Purplemoon, Idealismus, Paywall, Geiz ist geil, dem realen Leben und kostenlosem Prosecco.

Als ich vor rund 30 Jahren meine ersten Kontakte zur schwulen Szene suchte, gab es das Internet noch nicht. Aber es gab Videotex und dort die «Hansli-Line», ein vorsintflutlicher Chat eben für Schwule auf Kontaktsuche jeder Art.

Und dann entstand das Internet und es tauchten unzählige Kontaktplattformen wie etwa Gaynet, Gayromeo oder der Chat vom Kink Shop in Zürich auf. Und ich mittendrin! Nur Purplemoon habe ich nie entdeckt. Dass Gerücht, dass sich hier vor allem junge Menschen tummeln, hielt sich hartnäckig …

Mitte Dezember erreichte den Vorstand von hab queer bern ein Mail von N., die es äusserst schade findet, dass Purplemoon abgeschaltet wird, dass es doch nichts vergleichbares gäbe: «Habt ihr eine Idee was wir tun können, dass es das Purplemoon weiterhin gibt?» Vor allem sei die Plattform als einzige «immer gratis gewesen».

Im «Purpleblog» erklärten die Köpfe hinter Purplemoon ausführlich das Aus der Plattform und trösten: «Aus unserer Sicht ist dies nicht unbedingt ein trauriger Abschied – 17 Jahre sind eine lange Zeit für ein Projekt wie Purplemoon. Und wir sind überzeugt, dass irgendjemand unsere Lücke füllen wird sofern weiterhin ein Bedarf vorhanden ist für eine Plattform, wie wir sie geboten haben.»

Als Gründe für die Abschaltung werden im «Purpleblog» verschiedene Gründe aufgeführt. So sei etwa das «finanzielle Überleben immer schon eine Herausforderung gewesen». Gratis ist halt nicht immer kostenlos, denke ich. So sei die Plattform zwar immer mit minimalen Ressourcen betrieben worden, aber auch viele Jahre subventioniert worden – nicht nur mit Geld, sondern auch mit viel Idealismus. «Tatsächlich ist das eine Herausforderung für ein Netzwerk, welches mehr Idealismus als Geschäft versprühen will», schreibt Andreas Leathley, der Kopf der Köpfe hinter Purplemoon. Das Ziel von kommerziellen Kontaktplattformen sei nicht den Nutzer*innen möglichst viel Wert oder Lebensgefühl zu vermitteln, sondern Personen von diesen Netzwerken abhängig zu machen und so viele Nutzerdaten wie möglich zu sammeln, um diese für Werbung und andere Einnahmequellen auszuwerten. «Wir haben nie Daten über unsere Nutzer weitergegeben, wir haben gar nie unnötige Daten gesammelt, und haben versucht etwas anzubieten, dass jedem möglichst viel Nutzen beschert.»

Auch bei den gesetzlichen Regulierungen sieht Andreas Leathley grosse Probleme: «Viele Schwächen des Internet und viele Probleme bei Grosskonzernen führen zu hektischer gesetzgeberischer Aktivität, bei welcher kleinere Firmen meist zu Kollateralschäden werden, da plötzlich hohe bürokratische Hürden existieren, die eigentlich auf Grossfirmen zugeschnitten wurden aber nun alle treffen». Es bestehe sicherlich Handlungsbedarf bezüglich des Datenschutzes, der Sicherheit und der Meinungsfreiheit im Internet, aber die «bisherigen Massnahmen scheinen bisher eher zu noch mehr Monopol-Konzentration im Internet zu führen».

Wie im wahren Leben

Die Geschichte von Purplemoon zeigt klar den Zeitgeist. Da Geiz halt geil ist, verkaufen wir unsere Seele in Form unserer Daten beispielsweise an Facebook (auch via WhatsApp und Instagram). So soll etwa ab diesem Jahr bei WhatsApp personalisierte Werbung eingeblendet werden. Auch mit Kontaktplattformen ist es also ähnlich wie mit dem Journalismus. Wir ärgern uns über die Paywall bei Qualitätszeitungen und lesen halt deshalb «gratis» 20 Minuten. Wer mit eingeschaltete Banner-Blocker zu 20min.ch surft, wird freundlich darauf hingewiesen, diesen doch auszuschalten, sonst gibt es nichts «gratis» …

Das Jahr ist noch jung – auch mein Vorsatz, mich doch vermehrt im realen Leben zu bewegen. Das ist zwar auch nicht gratis – kostenloser Prosecco für alle hat sich noch nicht durchgesetzt.

In diesem Sinne: Prosit Neujahr!