Auf ins neue Jahr

Ich bin Hans und erzähle eigentlich jeweils am Sonntag aus meinem Leben. Doch ich kann es kaum erwarten über die beiden ersten Tage dieses Jahres zu berichten … Mein Freund Peter hat sich vor ein paar Minuten verabschiedet. Er ist bei der Familie seines Sohnes zum Mittagessen eingeladen und ich habe Zeit für einen Eintrag in meinem Weblog.

Den Silvesterabend und den ersten Tag im neuen Jahr habe ich mit Peter verbracht. Und unsere Zweisamkeit war wunderbar. Nach leckerem Raclette und süffigem Weisswein, vielen spannenden Gesprächen über «Gott und die Welt» haben wir um Mitternacht auf meinem Balkon mit prickelndem Champagner angestossen und dicht nebeneinanderstehend den Geräuschen der Silvesternacht gelauscht. Nach rund einer Viertelstunde guckten wir uns an und dachten: «Es ist kalt da draussen!». Wir tranken die Flasche im weichen Bett leer – und eng aneinander liegend schliefen wir bald.

Am anderen Morgen, es war kurz vor neun, erwachte ich. Lange erkundigte ich mit meinen Blicken den Körper des Mannes, der da noch tief und fest neben mir schlief. Und ich konnte nicht anders: Sanft kraulte ich seine dichten grauen Brusthaare. Peter erwachte, er guckte mich mit seinen strahlenden Augen an und ich wusste: Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben.

Ältere Männer müssen öfter – und der Drang, die Blase zu entleeren, unterbrach diesen wunderbaren Moment jäh. Während Peter auf dem Klo sass und die Türe dabei offenliess, wusste ich, dass wir beide angekommen sind. Ich «kapselte» zwei starke Kaffees, wir setzten uns an den Esszimmertisch und guckten uns über das dreckige Geschirr und noch mit Käse verklebten Gabeln hinweg verliebt an. Nach dem stärkenden Kaffee räumten wir gemeinsam und nur in Unterhosen bekleidet das schmutzige Geschirr in den Spüler ein. Dabei kicherten wir wie pubertierende Teenager. Mir war gar nicht bewusst, dass verliebte Menschen auch im hohen Alter noch ständig kichern. Immerhin werde ich ja in diesem Jahr 70 und Peter 68.

Punkt 11.15 Uhr setzen wir uns auf das Sofa um im Walzertakt – wie wohl alle Pärchen dieser Welt – dem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker zu lauschen. Peter fand vor allem gefallen an den wunderbaren Blumen, die den Konzertsaal schmückten – und fragte sich immer wieder, was das wohl gekostet habe. Ich selbst studierte mehr die Tänze des Balletts

Nach dem Konzert machten wir gemeinsam Frühstück und öffneten noch die zweite Flasche des wunderbaren Champagners. Und den Nachmittag verbrachten wir auf dem Sofa vor dem Fernseher und guckten und DVDs. Zuerst die dramatische Liebesgeschichte «Latter Days» zwischen Christian und dem Mormonenmissionar Elder. Gerade der Schluss des Filmes rührt mich immer zu Tränen. Und so sassen wir heulend und händchenhaltend auf dem Sofa und starrten verlegen und mit feuchten Augen auf den Bildschirm und versuchten uns auf den Abspann zu konzentrieren. Der zweite Film war «Prayers for Bobby», ein Film, der mich vor allem wütend macht. Diese Mutter, die ihren schwulen Sohn mit Bibelsprüchen in den Selbstmord treibt, finde ich schrecklich. Wenigstens entwickelt sich die Mutter vom «Saulus zum Paulus». Und der dritte Film war «Pride». Ein wunderbarer Film über die gegenseitige Unterstützung einer Homo-Gruppe und streikenden Bergleuten in Grossbritannien der Margret Thatcher. So stelle ich mir eine solidarische Community vor

Nach drei DVDs meldete sich ein kleines «Hüngerchen». Wir machten uns eine schnelle Suppe und tranken noch die dritte und letzte Flasche des französischen Champagners. Und legten uns früh ins Bett!

Und nun eben heute Vormittag: Nach dem kleinen und gemütlichen Frühstück eine enge Umarmung und ein Küsschen zum Abschied und weg war Peter. Ich bin gespannt, was er über den Besuch bei seinem Sohn erzählen wird …

Euer glücklicher Hans H.

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