Es war, als wenn ich ständig vor Ort treten würde!

Ich bin Hans H. und ich habe kurz vor Weihnachten an dieser Stelle erstmals einen Eintrag gemacht. Und ich habe seither auch ein paar – vor allem positive – Feedbacks erhalten. Eine negative Reaktion erhielt ich allerdings gestern – und diese beschäftigt mich seither sehr und hat mich auch ziemlich runtergezogen.

Gestern schrieb ein «Peter» einen ziemlich hässigen Kommentar unter meinen Eintrag. Es interessiere niemanden, «wer bei offener Klotür was gemacht habe». Meine Texte seien peinlich. «Wer erst mit 65 merkt, dass er schwul ist, hat schon eine Persönlichkeitsstörung», schrieb dieser gewisse «Peter» weiter.

Mir wurde fast mein ganzes Leben lang eingeredet, dass ich eine Persönlichkeitsstörung hätte. Erstmals mit 15, als mich nach meinem ersten Coming-out meine Eltern zu einem Psychotherapeuten schickten – und dieser mir eine «Persönlichkeitsstörung» diagnostizierte.

Diese Diagnose – das wurde mir erst in den letzten Monaten bewusst – hat mich seither geprägt. Auch der Bruch mit meinen Eltern und deren Tod hat mich nicht von diesem Druck befreit. «Du bist gestört – nicht normal. Du bist kein richtiger Mann. Du bist nichts Wert. Deine Sünden werden bestraft werden.» Diese Worte haben sich tief in mir eingebrannt, bis ich nur noch schwarze Wolken sah. Jahrelange Depressionen waren das Resultat. Alle Wege blieben mir versperrt: Mit Frauen konnte ich nicht glücklich werden und zu Männern fand ich kein Vertrauen. Ich war ruhelos! Auch mein Beruf machte mich nicht glücklich, wechselte oft die Arbeitsplätze.

Es war, als wenn ich ständig vor Ort treten würde!

Erst nach meiner Pensionierung war der Druck plötzlich weg. Ich fühlte mich zwar immer noch alt und nutzlos, doch ich musste niemandem mehr Rechenschaft über mein Leben ablegen. Ich war endlich frei! Und so war ich halt eben schon 65 als ich es aus dem berühmten Schrank schaffte

In der Zwischenzeit nehme ich auch nicht mehr alles ganz so persönlich. Auch die Beleidigungen von diesem «Peter» nicht. Da der Name Peter vor rund 60 Jahren ziemlich modern war, nehme ich an, dass dieser «Peter» in meinem Alter ist. Ob er sein Leben immer im Griff hatte? Im Job beispielsweise oder in der Politik und auch in der Liebe? Und mit diesem «Peter» habe ich auch eine andere Seite unserer Community kennengelernt – eine traurige Seite. Nämlich Unverständnis von gewissen Menschen gegenüber seinen queeren Mitmenschen.

Euer Hans H.

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