Vom «Andersseinwollen» und «Andersseinmüssen»

Ich bin Hans. Und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jeweils am Sonntag hier an dieser Stelle aus meinem Leben zu berichten. Seit der Trennung von Peter vor 14 Tagen fühle ich mich einsam und ich grüble oft darüber, was wohl in meinem Leben schief gelaufen ist … Viel, scheint mir im Moment.

Im Moment lese ich sehr viel. Heute Morgen zum Sonntagskaffee habe ich fast einen Artikel auswendig gelernt, der im gestrigen «Bund» abgedruckt war. Unter der Überschrift «Hetero? Never ever! Ich liebe es schwul zu sein» hat die Zeitung vier junge Homosexuelle porträtiert. Darunter eine Primarlehrerin, die es offenbar locker wegsteckt, dass ihre Schülerinnen und Schüler und deren Eltern jetzt aus der Zeitung erfahren, dass sie lesbisch ist. Ob sie das nervös macht? «Ja sehr, aber auf eine gute Art.» Sie sei nun gespannt, was für Reaktionen es geben werde – falls überhaupt. Toll, eine Lesbe als Lehrerin ist offenbar kein Problem mehr. Oder liegt diese Gleichgültigkeit daran, dass kein Mensch mehr eine Zeitung liest, die was kostet?

Was mir auffällt: Keiner der vier porträtierten Homosexuellen hatten bei ihrem Coming-out grosse Probleme mit ihren Eltern – und hätten sogar Verständnis gehabt, wenn die Eltern Probleme gehabt hätten. «Ich denke, dass sich viele Mütter und Väter sich Enkelkinder wünschen und hoffen, dass ihre Kinder heiraten», sagt etwa Marco. Sie müssten sich halt zuerst an die neue Situation gewöhnen.

Unter den Befragten ist auch ein junger Schwuler, der bei der SVP politisiert. Ist es bösartig, wenn ich denke, dass die Zeitungsredaktion diesen nur eingeladen hat, dass das Gespräch spannend wird? Der Interviewer wollte nämlich auch wissen, ob vor allem Ausländer ein Problem mit Homosexuellen haben. «Nach meinen Erfahrungen schon», sagt SVP-Janosch. «Ich glaube», erwidert die Lehrerin, «es hat mehr mit Religion als mit Herkunft zu tun». «Wenn mir jemand seine Ablehnung begründet, dann jedenfalls meistens mit Religion – egal, ob Christ oder Muslim.

Der junge SVP-Politiker kontert: «Die Leute, die auf Facebook krass gegen Schwule hetzen, tragen zu 95 Prozent ausländische Namen. Da kann mir niemand sagen, es handle sich um kein Ausländerproblem». Er hat den SVP-Slang schon drauf! Un da bin ich doch eher der gleichen Meinung wie Marco, der sagt: «Aber pauschal zu sagen, Homophobie sie ein Ausländerproblem, das lehne ich ab».

Der «Bund» hat für diesen Artikel die Kommentarfunktion nicht blockiert. Armin schreibt als einziger negativ: «Dieses ewige Gestöhn über Andersseinwollen und Gleichberechtigung nervt uns je länger je mehr». Darauf kontert Walter: «Es jammert doch überhaupt niemand. Im Gegenteil: wir erfahren von positiven Erfahrungen.» Der Grundton der Befragten sei doch sehr aufgestellt.

Meine bescheidene Meinung dazu: Anderssein wollte ich eigentlich nie. Dass ich anders bin, hat mir in den fast 70 Jahren meines Lebens die Gesellschaft eingeredet. Erst durch meine Eltern, die mich zu einem Therapeuten schickten, der mich «heilen» sollte. Schlussendlich auch der Bruch mit meiner Familie – äusserst bodenständige und fromme Leute. Dann das Getuschel am Arbeitsplatz, da ich halt nichts über mich persönlich preisgab – preisgeben konnte. Ich hatte ja keine Storys über Sonntagsausflüge mit der ganzen Familie, Puff mit der Schwiegermutter oder Problem mit den Kindern zu erzählen.

Ich war immer «anders». Dass man auf dieses Anderssein auch stolz sein kann, haben mir die Aussagen der vier Befragten im «Bund» gezeigt. An meinem Stolz arbeite ich. Ich verspreche es! Soll ich meine Regenbogen nun eine Woche vor der Abstimmung über die Erweiterung der Rassismus-Strafnorm doch noch an das Balkongeländer hängen? Könnte ich eigentlich, fällt ja wohl sowieso niemanden auf in meinem anonymen Wohnblock

Manchmal geht mir mein Gejammer selber auf die Nerven!
Euer Hans H.

2 Replies to “Vom «Andersseinwollen» und «Andersseinmüssen»”

  1. Wie recht du hast in deinem letzten Satz: ja du bist ein Jammeri! Also, wann öffnest Du dich uns gegenüber, wann outest Du dich?

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