Auf ein Bier an die Gerechtigkeitsgasse

Ich bin Hans! Und ich habe letzte Nacht tief und fest geschlafen. Denn gestern war ein guter Tag. Manchmal trinke ich am Samstagabend im «Blue Cat» ein Bier. Gestern kurz nach sechs war es wieder mal soweit.

Und ich blieb nicht allein, setzte sich doch ein etwa 60-jähriger Mann zu mir an den kleinen Bistrotisch. Er stellte sich mit Thomas vor. Er plapperte einfach drauflos. Was er genau erzählte, spielte mir vorerst eigentlich keine Rolle – es war aber toll, dass er mir das Gefühl gab, wir seien alte Bekannte.

Bald drehte sich das Gespräch um Politik. Selbstverständlich, antwortete ich auf seine Frage, ob ich denn schon abgestimmt hätte. Er erzählte, dass er sich schon 2005 bei der Abstimmung über das Partnerschaft fürchterlich aufgeregt habe. Da sei es genau gleich abgelaufen, wie jetzt bei der Erweiterung der Rassismus-Strafnorm. Auch damals habe das Parlament die Gesetzesvorlage angenommen, aber «gewisse Leute» hätten das Referendum ergriffen und es sei ebenfalls zur Volksabstimmung gekommen. Die Argumente der Gegnerinnen und Gegner sei damals auch die gleichen gewesen. «Die eingetragene Partnerschaft schwäche die Familie, so ein Quatsch», sagte Thomas mit voller Überzeugung.

Nahtlos landeten wir bei Schokolade. Er finde es grossartig, dass die «Swiss» den Schoggi nicht mehr bei Läderach einkaufe. Während er mir vom Boykott gegen Läderach erzählte, denke ich, dass es doch gut ist, dass ich täglich meinen «Bund» lese und über die Gründe informiert bin, warum wir die leckere Schokolade von Läderach nicht mehr kaufen sollten.

Aus dem nichts fragte mich Thomas, ob ich mich auch für Politik interessiere. Ohne auf meine Antwort zu warten, quasselte er weiter. Er habe sein Schwulsein immer als politisches Statement gesehen. Solange wir nicht die gleichen Rechte hätten, sei «schwul immer irgendwie politisch». Er werde zwar ganz sicher nicht heiraten, aber heiraten können wolle er schon.

Runde eine Stunde und zwei Biere später war der Spuk vorbei und ich sass wieder allein da am kleinen Bistrotisch. Ich war überwältigt. Ich war fasziniert von Thomas. Und ich beschloss, am nächsten Samstag wiederum im «Blue Cat» ein Bier zu trinken. Vielleicht taucht er ja wieder auf!

Nun sitze ich da vor meinem Computer und tippe diese Zeilen und grüble dabei darüber nach, ob Thomas wirklich recht hat. Warum sollte mein schwules ich «politisch» sein? In den letzten Jahren hatte ich vielmehr immer Probleme, wenn mein Schwulsein bekannt wurde.

Jedenfalls habe ich mich von Thomas anstecken lassen. Ich werde auf den sonntäglichen Spaziergang verzichten – es sind ja sowieso heftige Stürme angesagt – und stattdessen vor dem Fernseher auf die Abstimmungsresultate warten. Und obschon mein Gefühl bei der Erweiterung der Rassismus-Strafnorm um die sexuelle Orientierung von einem knappen Resultat ausgeht, hoffe ich auf eine breite Zustimmung.

Euer Hans H.

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