Der «irre süsse Boy»

Ich bin Hans. Und vor ein paar Tagen habe ich im Facebook bei «Dr. Gay» einen Artikel aus der «Bravo» aus dem Jahr 1969 entdeckt. Der Artikel gibt sich auf den ersten Blick «verständnisvoll». Auf den zweiten Blick und im Verständnis der heutigen Zeit, ist er äusserst homophob. Er zeigt aber sehr deutlich, wie noch vor 50 Jahren mit Homosexualität umgegangen wurde. Trotzdem der Text uralt ist, hat er mich sehr bewegt! Ich war damals 19. Und die damals vorherrschende Meinung über Homosexualität hat mich für mein ganzes Leben geprägt

Der Titel des Artikels aus der «Bravo» hält schlussendlich nicht, was er verspricht: «Was machen Jungen unter sich, bevor sie den Weg zum zarten Geschlecht finden?». Die Antwort auf diese Frage finden wir erst ganz am Schluss des Artikels. «Da haben wir uns dann immer gegenseitig angefasst und befriedigt», steht da. Der ganze Rest des Textes zeichnet ein schreckliches Bild der männlichen Homosexualität, die allerdings zum Zeitgeist der 1960er passt: «Sie sind in dem Kreis ihrer Veranlagung gefangen und müssen ihr Schicksal akzeptieren».

Zwar habe es unter den Homosexuellen viel gute Menschen – Künstler, Wissenschaftler und Politiker, meint die Jugendzeitschrift. «Aber ihr Leben wird immer von einer gewissen Tragik überschattet sein, weil sie als Minderheit am Rande der menschlichen Gemeinschaft leben», lese ich da kopfschüttelnd.

Und woher kommt die Homosexualität? Gefährdet seien beispielsweise Jungen, lese ich, die «ein besonders enges und inniges Verhältnis zu ihrer Mutter haben, so dass sich ihr Mutterbild immer wieder zwischen sie und ein vielleicht begehrtes Mädchen schiebt und den körperlichen Kontakt unmöglich macht». Homosexuelle «dieser Art» könnten sich in den meisten Fällen «von den Fesseln ihrer Kindheit befreien, wenn sie den Willen dazu haben», lese ich weiter. «Manche schaffen es aus eigener Kraft, mit der Vergangenheit fertig zu werden, manche mit Hilfe eines verständnisvollen Mädchens, manche brauchen auch die Unterstützung eines erfahrenen Psychotherapeuten.»

Wie aber kann es passieren, dass von Veranlagung und Erziehung her vollkommen «normale Jungen in homosexuelle Kreise geraten»? Darauf hat die Autorin des Artikels – eine junge schwedische Ärztin mit Namen Kirsten Lindstroem – keine konkrete Antwort. Sie stellt stattdessen den 17-jährigen Oskar vor. Der Dekorateur-Lehrling sehe mit seinem «langen weichen Haar, den langbewimperten Augen und den ebenmässigen weissen Zähnen und dem lustigen Grübchen im Kinn gerade zauberhaft aus». Oskar sei genau das, was viele Teenager als einen «irre süssen Boy» bezeichnen würden. Ob der angehende Dekorateur nun tatsächlich schwul ist, verschweigt uns die schwedische Ärztin. Wir erfahren einzig, dass er und seine Klassenkameraden sich im Schullandheim oder im Skilager «immer gegenseitig angefasst und befriedigt» hätten.

Illustriert hat die «Bravo» den Artikel mit einem Bild mit zwei Jungs, wie sie in den 60ern alle ausgeschaut haben – auch ich: Mit langen Haaren und in Jeans auf einem Töffli sitzend. Bildunterschrift: «Wenn Jungen Jungen lieben, dann wollen sie meist nur einander imponieren».

Mich hat der Artikel in dieser alten «Bravo» in meine Jugend katapultiert. Ich hatte weder ein inniges Verhältnis zu meiner Mutter noch einen schwachen Vater. Das einzig «nicht normale» bei meinen Eltern war eigentlich, dass sie sehr religiös waren. Und das einzig «nicht normale» bei mir war, dass ich mich mit 15 in einen «irren süssen Boy» verliebt habe (und er in mich) und ich dies meinen Eltern erzählte. Da ich es nicht schaffte, mich von dieser «Tragik» selbst zu befreien, schickten mich die Eltern zu einem «erfahren Psychotherapeuten».

Wie in der «Bravo» beschrieben, war mein Los daraufhin entschieden und ich war im «Kreis meiner Veranlagung gefangen». Ich habe zwar mein Schicksal akzeptiert – aber ich habe mich selbst nie akzeptiert. Und rückblickend und in den Erinnerungen an die vielen flüchtigen Bekanntschaften mit anderen Männern bin ich überzeugt, dass es vielen Schwulen in meinem Alter so ergangen ist und noch so ergeht …

Euer Hans H.

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