Bleiben wir auch jetzt lautstark und sichtbar!

Das Coronavirus wirbelt mein geordnetes Leben als Erwerbstätiger und als Queer*Aktivist durcheinander. Wie verändert das Virus mich und unsere Gesellschaftsordnung langfristig? Was passiert mit unserer Wirtschaft? Wie verändert sich unser politisches System? Wie wird die Politik und die Gesellschaft in Zukunft mit Minderheiten umgehen? Und überhaupt: Mache ich mir viel zu viele Gedanken, nur weil ich den ganzen Tag zuhause sitze?

In optimaler «Work-Life-Balance» leben ist mein Ziel. Das bedeutet, dass Beruf, Partnerschaft, Familie, soziale Aktivitäten und Freizeit – die verschiedenen Lebensbereiche eben – im Gleichgewicht gehalten werden sollen. Das Coronavirus hat jetzt allerdings meine «Work-Life-Balance» ins Wanken gebracht.

Verschiedenste Rettungsschirme haben sich für mich geöffnet: Dank Kurzarbeit wird weiterhin – zwar weniger – Geld auf meinem Lohnkonto landen. Und damit mein Chef die weiterlaufenden Kosten zahlen kann, die mein Arbeitsplatz auch verursacht, wenn ich nicht arbeite, kann er unkompliziert und innert Minuten bei seiner Bank einen Covid-19-Kredit aufnehmen. Diese Milliarden-Hilfe finanzieren allerdings nicht die Banken, sondern der Staat – und der Staat wiederum lebt ja von unseren Steuergeldern.

Und tatsächlich! In der Zeitung lese ich: «Banken werden die Gewinner der Coronakrise sein». Wie kann das sein, wenn in Prognosen von einem Wirtschafseinbruch von über zehn Prozent und sieben Prozent Arbeitslosen ausgegangen wird? Ein typisches Unternehmen verfügt bei einer Bank über ein Konto, über das es die wichtigsten Zahlungen abwickelt und dieses Konto kann überzogen werden (von diesen Zinsen leben die Banken ja auch). Kommt es zum Konkurs, bleibt die Bank oft auf ihrer Forderung sitzen und muss einen entsprechenden Abschreiber vornehmen. Dank einem Covid-19-Kredit dauert es nun länger oder hoffentlich gar nicht, bis ein Unternehmen in eine kritische Situation gerät und somit auch für die Bank zum Problem wird.

Das Kreditpaket des Staates von 40 Milliarden Franken wirkt also schlussendlich vor allem wie ein Schutzwall für die Banken.

Eigentlich ist die Wirtschaft ein Teil unserer Zivilgesellschaft, nicht umgekehrt. Also sollte während dieser Corona-Pandemie primär unsere bestehende Gesellschaftsordnung überleben – also unser Rechtsstaat, unsere Demokratie, unsere Freiheit, unsere Menschenrechte, unsere Kultur und auch unsere Wirtschaft.

Warum das Coronavirus nicht mit einer saisonalen Grippe verglichen werden darf: Weil die Menschen noch nie mit dem neuen Coronavirus infiziert waren, besteht auch keine Grundimmunität (wie bei der Grippe). Wir sind dem Virus nicht nur schutzlos ausgeliefert, es kann sich auch sehr rasch ausbreiten und grosse Teile der Weltbevölkerung anstecken, teilweise in mehreren Wellen. Dadurch kann das Coronavirus viele Opfer fordern und somit das Gesundheitssystem stark belasten, selbst wenn die Sterblichkeit insgesamt nicht besonders hoch ist. Im italienischen Bergamo beispielsweise galten die allermeisten Einwohner*innen als nicht infiziert – trotzdem musste das Militär die Särge mit den Toten mit Lastwagen abtransportieren.

Zurzeit stecken wir Menschen in einem Dilemma fest: Entweder bleiben wir solange im Lockdown bis uns das Virus nicht mehr gefährlich ist, oder wir retten die Wirtschaft – bis zum nächsten Pandemie-Ausbruch.

Doch es gebe aber einen Mittelweg. Ich lese in der Zeitung: «Es ist ein Tanz zwischen der Wiederaufnahme unseres Lebens und der Verbreitung der Krankheit, zwischen der Wirtschaft und dem Gesundheitswesen. Je nachdem, wie sich die Fallzahlen entwickeln, werden wir die Massnahmen verschärfen müssen oder lockern können. Mal in die eine, mal in die andere Richtung; für lange Zeit; vielleicht für immer.»

Ausschlaggebend in diesem Prozess ist der Wert «R» (Reproduction Rate), die Masszahl für die Ausbreitungsgeschwindigkeit eines Virus. Je grösser «R», desto steiler das exponentielle Wachstum der Infektionen und der Erkrankungen. Um eine Epidemie einzudämmen, ist also ein kompletter Lockdown wichtig. Ohne Immunität kann jederzeit und überall die Infektion wieder ausbrechen und den nächsten Lockdown erzwingen. Und auch mit einem Impfstoff sind wir dieses Virus nicht unbedingt los, denn es wird zu neuen Formen mutieren …

Wir werden wahrscheinlich noch lange mit diesem Virus leben müssen.

Unser Leben wird sich wohl diesem R‑Wert anpassen müssen. Wird es in Zukunft an Ferienorten Beschränkungen auf eine bestimmte Anzahl Besuchende geben? Werden in Restaurants die Tische weniger eng aufgestellt? Müssen wir wirklich tagtäglich zur gleichen Zeit mit dem ÖV an unsere Arbeitsplätze fahren und so ein Gedränge verursachen? Müssen sich Studierende in grosse Vorlesungssäle setzten, damit sie einem Menschen zuhören können, der einen Monolog führt? Wird die Polizei nebst Alkoholkontrollen auch Tests auf das Coronavirus durchführen? Wird in unsere Identitätskarte in Zukunft einen Chip eingebaut, der jede unserer Bewegung registriert, damit sich feststellen lässt, mit wem wir wo Kontakt hatten und Ansteckungsketten so verfolgt werden können?

Ich werde schief angeguckt und als potentieller Killer verdächtig, wenn ich im Supermarkt wegen meiner Pollenallergie niesen muss. Das Coronavirus macht Angst. Wie viele Grundrechte werden wir aus dieser Angst heraus widerspruchslos aufgeben? Werden in Zukunft unsere Freiheits- und Spielräume kleiner werden?

Und wie gehen wir queeren Menschen mit dieser neuen Situation um?

Dirk Ludigs schreibt auf Siegessäule.de: «Die queere Community sollte sich in der Krise lautstark und vehement in die gesellschaftlichen Debatten einbringen!». Kontakte ausserhalb der Kernfamilie seien zu vermeiden. Doch gerade queere Menschen leben öfter allein – und für diese ist oft nicht die Herkunftsfamilie die tatsächliche Kernfamilie. «In Krisen wie dieser werden wir lernen, was eine Gesellschaft noch als normal durchgehen lässt», schreibt Dirk Ludigs weiter.

Bleiben wir also auch in dieser Krise lautstark und sichtbar. Tragen wir aber auch Sorge zu unseren Treffpunkten, Organisationen und Vereinen. Auch wenn wir körperliche Distanz halten und vielleicht sogar einen Mundschutz tragen müssen, sollten wir uns rasch möglichst wieder an unseren queeren Orten treffen, uns austauschen und gemeinsam feiern – und auch nach neuen Formen der Begegnung suchen. Gerade wir älteren Schwulen wissen, dass wir auch in einer Zeit der lähmenden Angst solidarisch sein und über uns selbst hinauswachsen können.