Eine LGBTIQ-feindliche Coronavirus-Welle in Südkorea – und in der NZZ

Der «King Club» in Seoul in den Schlagzeilen der Weltpresse.

Schlagzeile in der Printversion der NZZ und meine innerliche Alarmglocke schrillt unerträglich laut: «Schwulenklubs erweisen sich als Virenherd», titelt die Zeitung. Ich lese weiter und stelle fest, dass es um eine zweite Coronavirus-Welle in Südkorea geht.

Irgendwie ironisch wirkt die von der NZZ beschriebene Tatsache, dass die erste Welle in Südkorea durch eine infizierte Person während einem Gottesdienst bei einer christlichen Sekte ausgelöst wurde und die zweite nun durch einen Mann, der in queeren Clubs feierte.

Um die Ansteckungen zu mindern hilft – nicht nur in Südkorea – die Rückverfolgung von Kontakten, um diese rasch zu isolieren. Doch dabei stiessen die südkoreanischen Gesundheitsbehörden auf Schwierigkeiten, die von einer gewissen LGBTIQ-Feindlichkeit im doch eigentlich liberalen Südkorea herkommen: Als sie die vielen Namen auf den Besucherlisten der Bars und Clubs durchgingen, stellten sie fest, dass die Namen oder Telefonnummern teilweise falsch waren. «Viele Besucher hatten offenbar aus Angst vor Diskriminierung ihre wahren Koordinaten nicht preisgegeben», schreibt die NZZ.

Wie Queer.de schreibt, fürchten LGBTIQ-Aktivist*innen in Südkorea LGBTIQ-feindliche Reaktionen. Die erneute Welle habe eine wahre Medienkampagne ausgelöst. Queer.de zitiert einen der Besucher der queeren Clubs: «Ich gebe ja zu, dass es ein grosser Fehler war, ins schwule Viertel zu gehen, obwohl die Corona-Krise noch nicht vollständig beendet ist. Aber das ist der einzige Ort, an dem ich ‹ich sein› und mit Leuten abhängen kann, die wie ich sind. Unter der Woche muss ich so tun, als ob ich Frauen mag.» Der Mann erklärte, er sei von seiner Kreditkartenfirma informiert worden, dass die Daten über seinen Besuch der queeren Clubs an die Behörden weitergeleitet wurden, was katastrophal sein kann. Homosexualität ist zwar in Südkorea nicht strafbar, aber viele fürchten, dass sie gesellschaftlich geächtet werden oder ihre Stelle verlieren, wenn ihre sexuelle Orientierung bekannt wird.

Der südkoreanischer Medizinprofessor erklärte, für den erneuten Ausbruch sei sexuelle Orientierung «irrelevant», allerdings würden die Medien diese nun hochspielen: «Es ist aber nicht gut für die Bekämpfung des Virus, wenn wir bestimmte Gruppe als Sündenböcke behandeln, egal ob wir das absichtlich oder unabsichtlich tun». Es sei «nicht hilfreich», eine bestimmte Gruppe für den Virus verantwortlich zu machen.

Und so wirkt die von der NZZ in der Printversion gewählte Schlagzeile noch eigenartiger … Online hat der Artikel eine andere Überschrift.