«Ich verlange bei jedem Einkauf eine Quittung»

In Bern wird der «Mohr» beim Zunfthaus zum «Mohren» mit einem Antifarbklecks-Mäntelchen geschützt.

Keine Ahnung, was es heisst, eine andere Hautfarbe zu haben als die Mehrheit. Persönlich kenne ich «anderssein» höchstens dadurch, dass ich in der Schule wegen meinem Übergewicht und meiner Brille gehänselt wurde.

Prägend für mich war allerdings vor allem mein Schulfreund Sandro. Ich bin 1961 auf die Welt gekommen. Zu dieser Zeit waren in der Schweiz «Fremdarbeiter» herzlich willkommen – nicht aber deren Familien. 1964 beschlossen «Rom» und «Bern» ein Abkommen, in dem es hiess, dass die schweizerischen Behörden «der Ehefrau und den minderjährigen Kindern eines italienischen Arbeitnehmers den gemeinsamen Wohnsitz mit dem Familienhaupt in der Schweiz gestatten». 1970 wurde vom Stimmvolk die von James Schwarzenbach lancierte Überfremdungs-Initiative knapp abgelehnt. Diese nutzte die Ängste vor dem «Fremden» aus. «O sole mio!» singende und Spaghetti kochende Nachbar*innen wollte niemand. Und ich bekam immer wieder mit, wie Sandro als «Tschingg» und als «Spaghettifresser» beschimpft wurde.

In einem «Migros Magazin» von 2015 lese ich ein Interview mit Sabina Bellofatto, die die Entwicklung der italienischen Küche in der Schweiz erforschte: «Als in den 80er-Jahren neue, ‹exotischere› Einwanderungsgruppen kamen, fand man plötzlich: Die Italiener sind gar nicht so anders als wir. So passierte langsam eine kulturelle Annäherung, man begann, italienisches Essen positiv mit den Italienern in Verbindung zu bringen.»

Diese Woche füllte sich meine Timeline auf Facebook mit Begeisterung. Die Schweiz sei endlich in der Neuzeit angekommen und wolle die Zivilehe tatsächlich «für alle» öffnen. Fast gleichzeitig geht auf Facebook auch die Diskussion über den Namen dieses Gebäcks mit Kakaoglasur los. Und erschreckend viele meiner «Freund*innen» argumentieren, dass doch eben dieses Gebäck mit der Kakaoglasur schon immer «so» geheissen habe – der Namen habe Tradition. Viele betonen plötzlich, dunkelhäutige Freund*innen zu haben und finden es trotzdem eigenartig, zwar «Wienerli» essend den «Führerschein» betrachten zu können – aber zum Dessert eben keinen «M***kopf» geniessen zu dürfen.

Heute ganz klar rassistisch: Inserat in der «NZZ» von 1962. 

Das Online-Magazin «Watson» fand im Archiv einen Bericht einer Illustrierten von 1962 über eine Bäckerei- und Konditorei-Schau in Oerlikon. Unter einem Bild, das eine weisse Frau in Tracht und einen schwarzen Mann in Bäckerkleidung zeigt, die lachend eben dieses Gebäck verteilen, steht: «In der Lehrlingsbackstube stellt der schwarze William nun zur Belustigung der Besucher echte Mohrenköpfe her».

Der junge Afrikaner kam 1961 aus Ghana in die Schweiz und lernte Bäcker – und machte eben offensichtlich damals das, was am besten zu ihm passte. Titel des Artikels in der Illustrierten: «Der Mohr und seine Mohrenköpfe». Und damit ist die direkte Verbindung zwischen dunkelhäutigen Menschen und der Süssigkeit belegt.

Ziemlich erschreckend für mich: Warum reduzieren wir in der Schweiz die Debatte über Rassismus auf den Namen eines Süssgebäcks, der notabene von vielen Herstellern längst geändert wurde. Beispielsweise bei Villars in Freiburg heissen die süssen Dinger «Schoko Köpfli» und bei Chocolat Ammann in Heimberg «King» oder «Prinz».

Ich kann nicht verstehen, dass queere Menschen zwar gegen Diskriminierung von queeren Menschen sind, aber Rassismus nicht dazu gehört. Gerade wir LGBTIQ sollten doch ein Verständnis für strukturellen Rassismus haben!

Eigentlich geht es doch bei der momentanen Debatte einzig darum, auf die alltägliche und systematische Ausgrenzung aufmerksam zu machen. Und auch die Macht der Sprache ist nicht zu unterschätzen. Sprache hat und kann viel Unheil anrichten und Unrecht zementieren. «Ich verlange bei jedem Einkauf eine Quittung», schreibt einer meiner Facebook-Freunde. Nicht etwa für die Buchhaltung oder für den Fall, dass er etwas umtauschen möchte. «Sondern für den Fall, dass mich jemand des Diebstahls bezichtigt.» Stets unter Generalverdacht zu stehen und tief verinnerlicht zu haben, dass man dir nicht glaubt, fühle sich scheisse an. «Wir haben in der Schweiz keine amerikanischen Verhältnisse. Zum Glück. Trotzdem machen mich Situationen nervös, in denen man mich potenziell für irgendwas anhalten und untersuchen kann: Grenz- und Sicherheitskontrollen, selbst ein simpler Einkauf in einem Laden oder wenn ich auf den Zug oder Bus warte und eine Polizeipatrouille vorbeifährt.»