Sind Grundwerte tatsächlich verhandelbar? Oder: Die alte Leier!

Im Moment verbringe ich ein paar Tage im Diemtigtal, geniesse das herrliche Wetter und die grossartige Natur – hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Und in der «Simmental Zeitung» lese ich: «Wenn sich Paare zu einer homosexuellen Beziehung entschliessen, so ist das genauso eine freiwillige Entscheidung und sie müssen, genauso wie Eheleute, die natürlichen Konsequenzen der gewählten Lebensform respektieren».

Es sei klar und «von der Natur und vom Erbgut her so eingerichtet, dass nur aus heterosexuellen Beziehungen Nachkommen gezeugt werden können». Durch den Zugang zur Fortpflanzungsmedizin für (weibliche) homosexuelle Paare nehme «man dem Kind bewusst und absichtlich den Vater weg», lese ich weiter im von Doris Blum-Krähenbühl und Markus Anneler unterzeichneten Artikel in der «Simmental Zeitung». «Aus dieser naturgegebenen und auch durchs Gesetz unveränderbaren Tatsache befürchten wir Schlimmes für alle künstlich ‹hergestellten› Kinder.»

Es ist immer rührend, wenn sich cis Heteros um das Kindswohl Gedanken machen – und dabei verdrängen, dass ihre gewünschte Lebensform «Mann-Frau-Kind-Kind» längstens nicht mehr allein gültig ist. Viele Kinder wachsen nur mit einem Elternteil auf und bereits haben viele Kinder zwei Väter oder zwei Mütter – oder sogar zwei Mütter und zwei Väter.

Was mich aber im Text in der «Simmental Zeitung» besonders stört, ist die Behauptung, dass meine Homosexualität «freiwillig» sei. Eine sexuelle Orientierung ist nicht frei wählbar – weder Heterosexualität noch Homosexualität.

Dass es noch viele Stimmen gibt, die uns gleichgeschlechtlich Liebenden nicht die gleichen Rechte geben wollen, zeigt auch ein Blick in die Parteienlandschaft. Am vergangenen Samstag wählte die EDU einen neuen Präsidenten. Er heisst Daniel Frischknecht, hat Jahrgang 1964, ist verheiratet, ist Vater von zwei Kindern und ist von Beruf Psychologe mit eigener Praxis. In seiner Antrittsrede versprach er nicht nur eine «klar bürgerliche Politik», sondern auch, dass die Partei weiterhin «konsequent» für christliche Grundwerte eintrete. Als wichtige anstehende Herausforderung nannte der frischgebackene Parteipräsident Frischknecht das in den Startlöchern stehende Referendum gegen die «Ehe für alle», welches für die EDU ein absolutes Kernthema sei.

Sind Grundwerte tatsächlich verhandelbar? Sind die Grundwerte nicht eigentlich in der Bundesverfassung klar definiert? Steht da nicht, dass «niemand» diskriminiert werden darf?

Warum bloss dreht sich die alte Leier immer weiter? Ein paar Eckpunkte der EDU: 2004 ergreift die Partei erfolgreich das Referendum gegen das Bundesgesetz über die eingetragene Partnerschaft, das an der Urne verworfen wird. 2016 lanciert die EDU das Referendum gegen die Stiefkindadoption für gleichgeschlechtliche Paare und scheitert, da zu wenige Unterschriften zusammenkommen. Genug Unterschriften sammelte die Partei allerdings im letzten Jahr, das Referendum gegen die Erweiterung der Rassismus-Strafnorm kam zustande, scheiterte aber an der Urne.