Kein «Sonderzügli» und keine Spezialbehandlung

An einer ausserordentlichen Synode diskutiert die christkatholische Kirche am 22. August, wie sie sich zur «Ehe für alle» stellen soll. «Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung müsse die Kirche vorausdenkend eine Antwort auf diese Frage bereithalten», ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitung «Christkatholisch» zu lesen. Die Zeitung druckte deshalb fünf spannende Referate ab, die ins Thema einführen.

In seinem Referat weist der christkatholische Theologe Urs von Arx darauf hin, dass die christkatholische Kirche bereits vor über zehn Jahren auf neue, zivilrechtliche Formen – die staatliche Einführung einer registrierten Partnerschaft – reagiert habe. So habe die Nationalsynode 2006 dem Standpunkt zugestimmt, dass «die Einsichten in die biologisch-physiologische Geschlechtsdetermination und in die Entstehung der sexuellen Orientierung und Identität von Menschen es nicht mehr erlaubten, Homosexualität unter Berufung auf die bekannten einschlägigen biblischen Texte als Sünde – oder mit neuerer Begründung als Krankheit – zu bewerten». Allerdings stelle in der «christlichen Tradition die Verbindung von Mann und Frau in der Ehe schöpfungstheologisch etwas besonderes dar, da sie in besonderer Weise auf die Weitergabe des Lebens ausgerichtet ist». Daher sei die «Ehe von anderen Verbindungen von Menschen, auch von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, zu unterscheiden». Und dies sei, stellt Urs von Arx in seinem Text fest, noch immer zutreffend «und im Blick auf die von uns unterstützte Öffnung der zivilrechtlichen Ehe für gleichgeschlechtliche Paare nicht grundsätzlich zu ändern». Es folgt eine theologische Abhandlung, beispielsweise auf die biblische Schöpfungsgeschichte: «Gott hat den Menschen ‹männlich und weiblich› geschaffen … mit der Folge, dass ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen werde und dass die beiden eine Einheit werden».

«Gott hat den Menschen ‹männlich und weiblich› geschaffen»

Ob nun gleichgeschlechtliche Ehepaare in der christkatholischen Kirche in Zukunft gleichwertig behandelt werden sollen oder nicht, beantwortet Urs von Arx «zweideutig»: Die kirchliche Segnung einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft, die «jetzt von Staates wegen Ehe heisst», sei klar «sakramental» (als Sakrament bezeichnet man im Christentum einen Ritus, der als sichtbares Zeichen beziehungsweise als sichtbare Handlung eine unsichtbare Wirklichkeit Gottes vergegenwärtigt und an ihr teilhaben lässt). Der Theologe kann sich aber vorstellen, «dass diese Segenshandlung», die nicht ein Ehesakrament sein könne, als ein «neues eigenständiges Sakrament zu werten».

«Ehe bedeutet nicht gleich Familie mit Kindern»

Stefanie Arnold, sie studiert in Zweitausbildung christkatholische Theologie an der Universität Bern, äussert sich in ihrem Referat zur Perspektive der Menschen, die eine kirchliche «Ehe für alle» persönlich betrifft. Damit die kirchliche «Ehe für alle» als positives Signal wahrgenommen werde, müsse sie aber entsprechend ausgestaltet sein und da herrsche Eindeutigkeit: «Lesben und Schwule wollen kein ‹Sonderzügli› und keine Spezialbehandlung, sondern die gleichen Traurituale wie heterosexuelle Paare».

Auch sei es wichtig, bei der Trauung nicht von der Willkür der Pfarrpersonen abhängig zu sein. Diese Sorge sei «vermutlich auch Ausdruck der tiefen Verletzungen, die die kirchliche Verurteilung von Homosexualität bei den Betroffenen hinterlassen hat». Dabei sollte vielmehr die Vielfalt lesbischer und schwuler Lebensgemeinschaften wahrgenommen werden: «Ehe bedeutet nicht gleich Familie mit Kindern – aber es gibt durchaus auch Lesben und Schwule mit Kindern».

«Sinnvoll wäre also eine Eheliturgie ‹für alle›»

Andreas Krebs, er ist Direktor und Professor am Alt-Katholischen Seminar der Universität Bonn, nimmt in seinen Ausführungen Jesus als Vorbild von nicht patriarchalen Familienstrukturen: «Er war wahrscheinlich unverheiratet, distanzierte sich von seiner eigenen Familie und riss seine Anhänger aus ihren Familien heraus; die Gruppe hingegen, die mit ihm umherzog, bezeichnete er als seine Brüder und Schwestern». Daraus ergebe sich für heutige Christ*innen, «dass die zweckorientierte, patriarchale Ehe keine überzeitliche Norm darstellen kann». Für Andreas Krebs ist deshalb klar: «Sinnvoll wäre also eine Eheliturgie ‹für alle›, die jeweils an die individuellen Umstände angepasst wird». Und auch in der pastoralen Arbeit zeige sich, dass es keine wesentlichen Unterschiede zwischen verschieden- und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gebe: «Es wäre deshalb gerade aus seelsorglicher Sicht ein Unsinn, aus rein ideologischen Gründen einen ‹Wesensunterschied› herbeizukonstruieren».

Matthias Ring, Bischof des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland, stellt in seinen Ausführungen den Antragstext vor, den er an der Synode am 22. August vorlegen wird. Wichtigster Punkt ist da in meinen Augen: «Die Synode bittet den Bischof, die Liturgische Kommission zu beauftragen, bis 2025 den derzeitigen Ritus ‹Die Feier der Trauung› und den Ritus ‹Die Feier der Partnerschaftssegnung› dahingehend zu überarbeiten, dass es künftig ein Ritual gibt mit unterschiedlichen, auf die jeweilige Lebenssituation der Paare angepassten Formularen. Die Formulare sind als gleichwertig zu betrachten.»

Klaus Wloemer, Pfarrer der christkatholischen Kirchgemeinde Solothurn, hebt in seinen Ausführungen den Warnfinger: «Sollte die christkatholische Kirche der Schweiz die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare einführen, entfernte sie sich einerseits von den altkatholischen Kirchen in Polen und der Tschechischen Republik, aber auch von der anglikanischen Kirche. Andererseits entfernte sie sich zudem von der römisch-katholischen Kirche und vielen orthodoxen Kirchen.»

Pfarrer Wloemer hält zudem am bestehenden fest: «Dadurch, dass die Ehe in der Liturgie der christkatholischen Kirche nicht eins zu eins als Sakrament für heterosexuelle und gleichgeschlechtliche Paare gespendet wird, werden auch die nicht wenigen Kirchenglieder ‹mitgenommen›, die mit der Vorstellung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ihre Mühe haben».

Ob die christkatholische Kirche an ihrer Synode am 22. August zeitgemäss entscheidet oder nicht, wird sich zeigen. Befremdlich ist – und daher meine Distanzierung gegenüber Kirchen allgemein -, dass überhaupt noch über die Andersartigkeit von uns gleichgeschlechtlich Liebenden diskutiert werden muss.