Swiss Diversity Award 2020: Die LOS ent-nominiert sich selbst

Sonntagvormittag. Noch etwas schlaftrunken checke ich auf Facebook meine Timeline und sehe viele schön gekleidete Menschen, die in die Kamera lächeln. Ich habe die «Swiss Diversity Award Night» im Berner Kursaal – mehr oder weniger bewusst – verpasst.

Ich checke noch die Mails und entdecke eine frühmorgendliche Mitteilung von der LOS, von der Lesbenorganisation Schweiz. Überschrift: «Eine schwierige Entscheidung».

Eigentlich war die Lesbenorganisation Schweiz für den diesjährigen «Swiss Diversity Award» nominiert. «Wir haben uns sehr gefreut, denn diese Preisverleihung zeichnet Leute und Organisationen aus, die sich für Vielfalt einsetzen», schreibt die LOS in ihrer Mitteilung. Doch die LOS hat sich kurzfristig von der Kandidatur zurückgezogen.

Warum begründen im Namen des LOS-Vorstands und der Geschäftsleitung Muriel Waeger und Anna Rosenwasser: «Es ist erwiesen, dass lesbische Frauen aufgrund ihrer Diskriminierung suchtgefährdeter sind als heterosexuelle Frauen. Und es ist Fakt, dass die Ruag Kriegsmaterial in Länder exportiert, die die Rechte von Frauen und Queers mit Füssen treten.» Und zu den drei Hauptsponsoren gehören aus ausgerechnet Japan Tabacco International, einer der grössten Tabakkonzerne der Welt, und die Ruag, die Waffen und Munition herstellt.

LGBT-Organisationen haben oft wenig finanzielle Mittel. Genau wie die LOS sind viele queere Gruppierungen von Mitgliederbeiträgen und Spenden abhängig. Da ist es naheliegend, Unterstützung von grossen Konzernen anzunehmen. «Das Problem dabei ist allerdings, dass sich diese im Gegenzug damit brüsten, LGBT-freundlich zu sein – und damit oft davon ablenken, dass sie problematische Dinge tun» erklärt die LOS ein Dilemma, das nicht ganz neu ist.

Position beziehen hat kein Ablaufdatum

Obschon die Sponsoren des «Swiss Diversity Awards» auf der Webseite für alle sichtbar sind, habe die LOS diese «zu lange» übersehen, die Nomination bereits dankend angenommen. Doch Vorstand und Geschäftsleitung kamen nach einer Diskussion zum Schluss: «Position beziehen hat kein Ablaufdatum, wir entschieden uns, kurzfristig unsere Kandidatur zurückzuziehen». Dabei ist es der LOS wichtig: «Wir verurteilen keine Gruppe oder Person dafür, dass sie am Anlass teilgenommen hat – aber es widerspricht unserer Haltung, selbst teilzunehmen.

Und so wurde die LOS auf eigenen Wunsch ent-nominiert. «Weil Diversity auch bedeutet, dass unterschiedliche Haltungen Platz haben müssen in unserer Community.»

So kam es, wie es kommen musste: In der Kategorie «LGBT+» wurde die «Zurich Pride» mit dem Diversity Award ausgezeichnet – ein Verein, der sich immer wieder mit dem Vorwurf des «Pinkwashing» auseinandersetzen muss.

Ebenfalls mit je einem «Award» ausgezeichnet wurden die Peer-Beratung «du-bist-du» und Kurt Aeschbacher für sein jahrelanges Engagement für unsere Community.