Von Handgranaten, der Mitte der Gesellschaft und «Glanz und Gloria»

Super, wie du bist. Aktuelle Kampagne der Aids-Hilfe Schweiz.

Als Mitglied der Lesbenorganisation Schweiz LOS hat mich am vergangenen Sonntag der Vorstand und die Geschäftsleitung darüber informiert, dass sich die Organisation für den «Swiss Diversity Award» vom Vorabend selbst «ent-nominiert» hat. Begründung: «Es ist Fakt, dass die Ruag Kriegsmaterial in Länder exportiert, die die Rechte von Frauen und Queers mit Füssen treten».

Die beherzte Reaktion der LOS hat heftige Reaktionen ausgelöst. So schreibt etwa der Schriftsteller Donat Blum auf Facebook: «Was ist Sichtbarkeit wert, die dermassen offensichtlich und unverhohlen auf Kosten anderer LGBTQs, die nicht das Glück hatten, in der Schweiz geboren zu sein, geht?». Und der Pflegefachmann Wuddri Rim ergänzt, dass der «Swiss Diversity Award» sowieso nur ein Event sei, um sich gegenseitig zu feiern: «Statt kleine Projekte, die es nötig und vor allem verdient haben, unterstützt zu werden, sind es dann doch nur diejenige, die eh schon gesichert sind, die ausgezeichnet werden». Community-Arbeit sei Basis-Arbeit, davon gebe in der Schweiz eine Menge. «Die zu honorieren wäre mal was.»

Natürlich verteidigt der Verein «Swiss Diversity Award» die Sponsorenwahl (gegenüber dem Mannschaft Magazin): «Als Partner ist Ruag International ein global agierendes Unternehmen, das Diversität fördert und somit auch den LGBTIQ-Gedanken».

Ich habe auf der Webseite der Ruag nach Spuren von «Diversity» gesucht und gefunden. Unter der dem Titel «Chancengleichheit und Nichtdiskriminierung» schreibt der Konzern: «Ruag … duldet keine Diskriminierung aufgrund von Alter, ethnischer Herkunft, Weltanschauung, Religion, Hautfarbe, Nationalität, politischer oder anderer Überzeugungen, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlicher Verfassung, Familienstand und Zugehörigkeit zu Arbeitnehmervertretungen».

Noch schneller als dieses Sätzchen habe ich auf der Webseite der Ruag ein «unanständiges» Angebot entdeckt: «Sie suchen einen Sponsoring-Partner?». Ruag sei ein Unternehmen im Besitz der Schweizer Eidgenossenschaft – und aus «Verbundenheit und Verantwortung für eine starke Schweiz» fördere Ruag «gesellschaftlich anerkannte Vereine, Institutionen oder Organisationen – insbesondere in der Schweiz Projekte, die sich inhaltlich mit der Marke Ruag … assoziieren lassen».

Auch gelesen auf der Webseite der Ruag: «Handgranaten müssen eine ganze Reihe von Anforderungen erfüllen. Einerseits sollten sie hoch wirksam sein, dies gleichzeitig aber nur in einem klar begrenzten Bereich. Ausserdem muss der Zünder zuverlässig und sicher sein, damit dem Benutzer keine Gefahr droht. Das erstklassige Handgranaten-Sortiment von Ruag erfüllt sämtliche dieser Anforderungen zu 100 Prozent und bietet darüber hinaus höchste Sicherheit bei Transport, Lagerung und im Kampfeinsatz. Ruag Handgranaten werden seit vielen Jahren bei Streitkräften auf der ganzen Welt eingesetzt.»

Wir queeren Menschen sind offenbar definitiv in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir dürfen nicht nur «offen» in der Armee das Werfen von Handgranaten lernen (seit 2001 sogar, wenn du dich als «weiblich» definierst), wir können auch «offen» beim Hersteller dieser Handgranaten arbeiten. Und diese Errungenschaft feiern wir feierlich rausgeputzt in «Glanz und Gloria» und verteilen «Awards» – mehrheitsfähig und genormt. Dafür habe ich mich nicht jahrelang eingesetzt. Meine «Community» ist dies nicht! Und es ist auch nicht die Community der trans Frau, die während der Transition den Job verloren hat. Es ist auch nicht die Community des schwulen Mannes kurz vor 60, der ausgesteuert den Boden unter seinen Füssen hat. Es ist auch nicht die Community der jungen Lesbe, die aus religiösen Gründen von der Familie geächtet wird.

Super. Wie du bist.

Unterdessen bemüht sich die Aids-Hilfe Schweiz mit «Dr. Gay» um ein anderes Bild der Community und wirbt für mehr Selbstvertrauen in der Community. Die Botschaft ist klar: Du fühlst dich nicht genug sexy, nicht genug erfolgreich oder einfach schlicht nicht gut genug. Damit bist du nicht allein, denn dies geht uns oftmals allen so. Die «Super»-Kampagne thematisiert das eigene, innere Selbstvertrauen und oberflächliche Äusserlichkeiten. Denn es ist nicht immer leicht, neben dem Coming-out sich seinen Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen.