Mauerblümchen

Ich bin Hans – und mir geht es nicht gut! Noch vor Weihnachten habe ich in meinem Blog geschrieben, dass Peter der wichtigste Mensch in meinem Leben sei. Am letzten Wochenende haben wir uns getrennt. Deshalb habe ich in den vergangenen 14 Tagen auch meinen Blog vernachlässigt.

Die Gründe unserer Trennung sind rasch erklärt: Er habe einen Sohn und dieser eine wundbare Familie, erklärte mir Peter letzten Sonntag während dem Frühstück. Und er habe seinen Sohn nicht aufwachsen sehen und erst später kennengelernt. Er sehe sich nun einfach verpflichtet, sich um seine Familie zu kümmern. Das habe er lange Zeit nicht gemacht – es sei höchste Zeit und da hätte ich keinen Platz. Zumal ich fürchterlich schwierig und mühsam sei!

Das war vor einer Woche und seither habe ich nichts mehr von Peter – und auch nicht von Tim – gehört. Und ich versuche mein Leben irgendwie zu ordnen.

Vor zehn Tagen habe ich ein Mail von C. erhalten – wieder so ein alter Schwuler, der mich belehren will, dachte ich. Meine ersten Einträge in meinem Blog seien «urkomisch» gewesen. Was interessiere ihn Sven Epiney und eine offene Klotüre? Ich fühlte mich von C. im ersten Moment unverstanden. Ich fand es doch fürchterlich schrecklich, dass meine Schwester Monika den doch eigentlich leckeren Schoggi-Kuchen nach Rezept von Sven Epiney für ihren Hass gegen mich und alle Schwulen missbrauchte. Und dass Peter die Klotüre oft offen gelassen hatte, verstand ich als wunderbare Liebesbezeugung – schöner als Ringe tauschen und im gleich Pullover rumzulaufen.

C. erzählt mir in seinem Mail seine Geschichte: «Meine Nase wurde mir gebrochen, meine Brille zerbrochen, meine Eier gebläut, meine Kleider zerrissen, mein Geld und die Ausweis geklaut». Doch sein schwules Selbstbewusstsein hätten sie ihm nie nehmen können. Mir aber schon!

Das Schlimmste aber sei, dass er, je länger er lebe, immer misstrauischer gegen Alle und Jedermann werde. «Ich schrumpfte je länger desto mehr zu einem Mauerblümchen», schreibt C. weiter. Heute sei er punkto Zweisamkeit und gemeinsame Erlebnisse ein misstrauischer alter Krüppel. 

Auch ich bin ein Mauerblümchen und ein emotionaler Krüppel. An meinem Misstrauen ist wohl jetzt auch die Beziehung zu Peter gescheitert.

Warum kann ich kein Held sein?

Da schreibt mir P., ein weiterer Leser meines Blogs und fleissiger Kommentator, dass er sich im Zusammenhang mit der Abstimmung zur Erweiterung der Anti-Rassimusstrafnorm in seinem Wohnort – einem Bauernkaff – ganz ordentlich öffentlich exponiere. Und letzte Woche hat mir auf dem Berner Bahnhofplatz eine Frau lächelnd einen Flyer und ein Schoggiherzchen überreicht. Wie bewundere ich diese Menschen, die mit Herzchen aus Schokolade darum betteln, dass wir Homosexuellen uns doch in Zukunft gegen Hass wehren können

Letzte Woche wurde Ernst 90 Jahre alt. Und da er zusammen mit seinem verstorbenen Partner Röbi sein ganzes Leben für Akzeptanz und gleiche Rechte für uns Homosexuellen eingesetzt hat, wurde dieser Geburtstag mit einem stimmungsvollen Fest und einer Rede der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch gefeiert. Falls Ernst diese Zeilen lesen sollte: Ich gratuliere herzlichst und bedanke mich für den Kampf auch für mich Mauerblümchen.

Wo nehmen diese tollen Menschen all ihre Kraft her? Ich habe diese Kraft nicht! Wahrscheinlich bin ich zu egoistisch und zu stark mit mir selbst beschäftigt.

Euer Hans H.

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